Die Glocken von Kreuzberg

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Sie läuten abends um 18 Uhr, aber manche schweigen

St. Thomas am Mariannenplatz. Foto: ks

Es dauert vielleicht eine Weile, aber irgendwann fällt es einem auf: Um 18 Uhr läuten in Kreuzberg die Glocken. Zuhause vom Balkon aus sind St. Bonifatius gut zu hören, die Passionskirche und da drüben natürlich Heilig Kreuz. Es ist ein Zeichen, dass der Abend anfängt: Geschäftliche Anrufe kommen jetzt keine mehr, Edeka um die Ecke hat noch zwei Stunden lang offen, im Sommer flutet die tiefstehende Sonne mit ihrem orangen Licht die Straßen. Und ja, vielleicht wäre es jetzt Zeit fürs erste Bier.

Ein starkes Symbol, dieses Läuten vor dem Einbruch der Nacht, auch für den Nicht-Gläubigen. Das Gebets- (katholisch: Angelus-) -läuten um 8, 12 und 18 Uhr erinnert an die früheren Stundengebete in den Klöstern und gehört neben dem Schrillen der U-Bahn und dem Tatütata von Polizei und Feuerwehr zum Lärmpegel der Großstadt. Geläutet wird sonst zu den Gottesdiensten, wenn die Pest droht oder die Stadt in Flammen aufgeht. So schlugen die Glocken am 23. Juli in ganz Deutschland für die Hochwasseropfer an der Ahr.

Kein Schaden, einmal nach den Glocken in Kreuzberg zu sehen - in Zeiten zumal, wo nicht nur in Frankreich Kirchen brennen. Es war eine abenteuerliche Reise. Kirchengemeinden sind sehr dezentral organisiert, mitunter schwer erreichbar, nicht auf jede Mail wird geantwortet und manchmal scheinen sie gar nicht zu wissen, was bei ihnen läutet und was nicht. So viel war immerhin herauszukriegen: Die Christuskirche in der Hornstraße läutet derzeit nicht wegen Problemen mit dem Sicherungskasten. Auch bei der Marthakirche in der Glogauer Straße ist irgendetwas kaputt, die Taborkirche schweigt grundsätzlich.

Interessantes Rechercheergebnis: Je tiefer man sich nach Kreuzberg hineinbewegt, desto mehr evangelische Kirchen bleiben stumm. Außer bei Gottesdiensten läutet St. Thomas nur mittags um 12 Uhr, aus Rücksicht auf Anwohner, heißt es (deshalb mussten wir hier leider schummeln). Aus der gleichen Rücksicht heraus bimmelt Martha lediglich abends und Emmaus gar nicht - nur Samstags, wegen des Feiertags. Warum? "Da können Sie die Nachbarschaft fragen", heißt es überall. Nun ist so viel Rücksicht sicherlich ehrenwert. Aber nicht auch ein bisschen feige? Was sagt dazu die Heilige Schrift? Sie sagt, Psalm 150: "Alles, was Odem hat, lobe den Herrn! Halleluja!" Und es ist keine Rede davon, auf dieses Lob zu verzichten, nur weil es ein paar Heiden nicht passt.

Wie auch immer. Hier läuten Kreuzberger Kirchen den Abend ein. St. Johannes liegt schon in Neukölln und St. Michael in Mitte, aber beide nur ganz knapp, deshalb sind sie mit dabei:

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