Es kommt zu Verzögerungen

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Pop-up-Fahrradstraße behindert Krankentransporte zum Urbanklinikum

Mitten in der Corona-Pandemie behindert die neue Pop-up-Fahrradstraße vom Südstern zum Mariannenplatz die Zufahrt zum Urbankrankenhaus. Durch die Fahrradstraße käme es "bei Krankentransporten zu Verzögerungen", teilte Vivantes auf mogblog-Anfrage mit. Auch Mitarbeiter und Besucher erreichten das Klinikum am Urban derzeit nur über Umwege, heißt es weiter: "Tatsächlich ist die aktuelle Verkehrssituation nicht zufriedenstellend." Die Klinkleitung habe sich deshalb schon beim Bezirk beschwert.

Seit einem halben Jahr für Beschäftigte und Besucher nur im Schritttempo zu erreichen - das Urbankrankenhaus. Foto: ks

Es macht "wopp-wopp" - ein mittelgroßer Kombi. Es ist ein freundliches Geräusch, das Tonlage und Intensität verändert, je nachdem welche Art von Fahrzeug wie schnell die künstliche Schwelle passiert. Kleinere Autos geben ein lustiges "flapp-flapp" von sich, bei einem Transporter mit Ladung klingt es eher nach "wumm-wumm". Ein Teil des schwarz-gelben Tempohemmers ist ein wenig lose, da klappert es dann besonders laut. Lastenräder machen übrigens mit am meisten Krach, vor allem wenn da etwas unbefestigt drinnenliegt.

Dieffenbachstraße, verkehrsberuhigte Zone, Schrittgeschwindigkeit. Wo eigentlich - wie es die Bremsschwellen signalisieren - nur Anwohner unterwegs sein sollten, ist heute ganz besonders viel los. Durchgangsverkehr. Grund ist ein Polizist, der ausnahmsweise einmal an der Kreuzung mit der Grimmstraße steht. Höflich, aber bestimmt weist er alle Autofahrer aus Richtung Urbankrankenhaus darauf hin, dass sie keinesfalls nach rechts über die Grimm- in die Urbanstraße abbiegen dürfen. Denn die Grimmstraße ist seit einem halben Jahr Fahrradstraße, Anlieger frei. Und, nun ja, Klinikbesucher, Ärzte und Pflegekräfte, aber auch alle Lieferanten sind dort keine Anlieger.

Wopp-wopp oder flapp-flapp: Jedenfalls klingt es lustig. Foto: ks

Bleibt halt nur der Umweg durch die Dieffenbachstraße. Wenn irgendwer Zweifel äußert, öffnet der Mann eine Mappe mit Verordnungen und Gerichtsurteilen. Rein rechtlich ist es eine klare Sache: Auf einer Anliegerstraße darf mit dem Auto nur fahren und parken, wer an dieser Straße wohnt oder etwas zu besorgen hat. Aber eben nur genau an dieser Straße, nicht an der nächsten, übernächsten oder sonst irgendwo. Diese Ansage sorgt vor Ort für einen kleinen Aufruhr. Viele Autofahrer sind genervt, eine Frau kommt aufgelöst angelaufen: "Ich wohne in der Müllenhoffstraße. Darf ich hier rausfahren?" Nein, darf sie nicht. Über die Grimmstraße darf sie weder reinfahren noch rausfahren und dort parken darf sie ebensowenig.

Tatsächlich ist durch die Ausweisung der Grimmstraße als Fahrradstraße mit dem Zusatz "Anlieger frei" eine geradezu groteske Situation entstanden. Rettungsdienste und Taxis können das Klinikum zwar auch aus Westen anfahren. Die Hauptzufahrt aber erfolgte aus dem Osten - von der Urban- über Grimm- und ein kleines Stück Dieffenbachstraße zur Rettungsstelle, zum Besucher-, zum Mitarbeiterparkplatz und zum Lieferanteneingang. Die - aktuell falschen - großen weißen Wegweiser an der Urbanstraße zeigen das heute noch an. Mitten in der Conora-Pandemie hat das Bezirksamt diese schnelle, unproblematische Zufahrt blockiert.

Wegen diesem Schild an der Grimmstraße kann das Krankenhaus auf diesem Weg nicht mehr angefahren werden. Foto: ks

Rettungsfahrzeuge dürfen die Grimmstraße noch benutzen - laut StVO aber nur dann, wenn "höchste Eile geboten ist, um Menschenleben zu retten oder schwere gesundheitliche Schäden abzuwenden". Alle anderen - also Ärzte, Pflegekräfte, Kranke und deren Angehörige - müssen sich mühsam durch Graefe- und Dieffenbachstraße schlängeln oder nördlich durch das Planufer mit seinen drei Kindertagesstätten. Mehrere hundert Meter verkehrsberuhigter Bereich, Schrittgeschwindigkeit, künstliche Schwellen, sagten wir schon. Das bedeutet vor allem Ärger und Zeitverlust, aber auch mehr Belastung für die Anwohner dort. Ironischerweise ruiniert der Bezirk im Grunde die ganze Verkehrsberuhigung rund um die Graefestraße, indem er diesen Bereich mit dem Verkehr vom und zum Urbankrankenhaus überschwemmt.

"Der Bezirk hat seinen eigenen verkehrsberuhigten Bereich ausgehebelt", heißt es dazu in Polizeikreisen. Offenbar sei im Vorfeld nicht gründlich genug überlegt und stattdessen "mit der Brechstange" vorgegangen worden. "Es ist eine sehr unglückliche Lösung für die Anwohner. Es wurde nicht bedacht, dass der ganze Verkehr zur Klinik hier langfährt." Dann fallen noch ein paar Worte, die wir lieber nicht zitieren wollen.

Aber es geht nicht nur um die Anwohner. Das Klinikum am Urban ist Kreuzbergs einziges Krankenhaus. Es verfügt über 614 Betten, beschäftigt 242 Ärzte, 562 Pflegekräfte und 189 sonstige Mitarbeiter. Jährlich kommen hier 1500 Babys zur Welt, 65.000 Patienten werden behandelt. Momentan ächzt das Krankenhaus unter der Zweiten Corona-Welle, laut DIVI-Register waren in den vergangenen Tagen die Intensivbetten meist komplett belegt.

Nun ist Friedrichshain-Kreuzberg immer für eine Überraschung gut. Trotzdem wüsste man gern, was das hiesige Straßen- und Grünflächenamt - für das seit Februar Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann verantwortlich ist - in diesem speziellen Fall geritten hat. Keine Skrupel, den Ärzten und Pflegekräften, die ohnehin schon am Limit arbeiten, bei An- und Abfahrt zusätzliche Schwellen und Hindernisse in den Weg zu legen? Hat da irgendwer schlicht das große Krankenhaus unweit der tollen Pop-up-Fahrradstraße übersehen? Ein diskreter Hinweis, dass Krankentransporte in Kreuzberg künftig nur noch per Lastenrad erfolgen sollen? Keiner weiß es.

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