Goldgrube Schnelltest?

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Wer seriös arbeitet, hat neben Chancen auch große Risiken

Corona-Test der besonderen Art direkt neben dem Wertstoffbehälter. Foto: ks

Seitdem die Außengastronomie wieder geöffnet ist, schießen auch im Kiez die Corona-Testcenter nur so aus dem Boden wie Pilze in einem warmen Herbst. Erst die Apotheken, dann zwei in der Riemannstraße, am Mehringdamm, die Gneisenaustraße entlang oder gleich vor dem Baumarkt in einem Zelt. Und dann immer öfter mobile Angebote mit dem Kleinbus, Dreirad oder mit einem schlichten Fahrrad auf dem Bürgersteig. Einerseits natürlich praktisch, wenn man abends in die Kneipe will. Scheint andererseits aber auch ein lukratives Geschäft zu sein. Ob es dabei immer mit rechten Dingen zugeht?

Mit den Betreibern eines solchen mobilen Testcenters hat mogblog über die Chancen und Risiken in der Branche gesprochen. Sie sind mit zwei Fahrzeugen und zehn Mitarbeitern in ganz Berlin unterwegs. Nennen wir sie einmal Anne und Peter (die wahren Namen sind der Redaktion bekannt).

mogblog: Sie betreiben eine mobile Corona-Teststation. Erklären Sie doch bitte, wie das funktioniert.

Anne: Ja, erstmal muss der Bus bestückt werden. Man braucht ja eine gewisse Infrastruktur in dem Fahrzeug. Einen Platz, wo man auswerten kann, wo man die Tests vorbereitet. Wo man abgrenzen kann, wer ist "clean", wer ist "dreckig". Das ist total wichtig, diese Unterscheidung. Wir sind normalerweise zu dritt. Die Tester sind ausgebildet, die haben eine Schulung gemacht. Sie sind zertifiziert und sind eigentlich nur drinnen im Fahrzeug und testen. Dann gibt es welche, die gehen rum und sagen den Leuten, was sie machen müssen, wenn sie sich testen lassen wollen. Erklären kurz, wie sie sich dort einchecken an der Teststation.

Wie lange machen Sie das schon und wo sind Sie unterwegs?

Anne: Wir machen das seit nicht ganz zwei Wochen. Wir fahren dorthin, wo wir denken, dass ein Hotspot ist. Wo wir vermuten, dass viele Menschen zusammenkommen. Spontan. Wir haben keine bestimmten Plätze. Wir sind auch bei test-to-go.berlin aufgeführt, haben aber natürlich keine feste Adresse. Wir waren schon in ganz verschiedenen Kiezen und sind jetzt gerade hier in Kreuzberg. In der Regel fangen wir um zehn an und dann je nachdem bis 18 oder 19 Uhr.

Wie sind ihre Erfahrungen?

Anne: Das ist unterschiedlich. Hier wollen die meisten essen gehen, im Wedding war es tatsächlich so, dass sie damit einkaufen wollten, dass sie da ein negatives Testergebnis brauchen. Wir sind auch vom Senat vorgewarnt worden, dass wir jetzt die Kapazitäten erhöhen sollen, weil die Außengastronomie geöffnet hat. Dass wir evtl. abends länger auf haben sollen.

Sie bekommen die Kosten der durchgeführten Tests erstattet und dann noch einmal pauschal 12 Euro für jeden Test. Das klingt doch eigentlich nach einem guten Geschäft?

Anne: Das läuft über die Kassenärztliche Vereinigung. Die Risiken sind, dass man das alles erstmal vorstrecken muss und nicht weiß, wie lange das Ganze überhaupt geht und wie lange es dauert, bis wir die Gelder bekommen. Wir haben zehn Mitarbeiter, die wir tatsächlich angestellt haben, das sind keine Minijobber. Die kriegen weit mehr als den Mindestlohn. Wir haben bisher 7000 Tests gekauft. Wir sind drei Familien, drei Betroffene der Corona-Krise, sag ich mal. Einer aus dem Filmgeschäft, dann haben wir einen Gastronomen und wir

Wie viele Test machen Sie am Tag?

Peter: Das ist Betriebsgeheimnis.

Aber bitte, wir sind doch hier anonym ...

Peter: Je nach Standort. Ich würde mal sagen 200.

200 Tests am Tag ist ein guter Durchschnitt?

Peter: Dann ist es gut gelaufen.

Aber das haben Sie auch nicht immer?

Anne: Nein.

Woran liegt es? Am Standort? Am Wetter?

Anne: An beidem, ja. Und ob die Geschäfte offen haben oder nicht.

Peter: Wir haben quasi noch keine Erfahrung, weil ja erst seit zwei Tagen die Restaurants und Kneipen wirklich offen haben.

Aber was deutet sich denn an? Ist es ein Geschäftsmodell oder ist es ein Flop? Kann man damit reich werden?

Peter (lacht): Damit kann man nicht reich werden. Nur wenn man das in großem Stil macht. Großer Stil heißt, dass Sie fünf, sechs Teststrecken haben, die machen dann am Tag 1000 oder 2000 Test.

Wie viele Test müssen Sie am Tag machen, um ins Plus zu kommen?

Peter: Ungefähr 300.

Muss man bei Ihnen einen Personalausweis vorzeigen?

Peter: Häufig, aber nicht immer. Wenn die Leute ihre Email-Adresse angeben und sich hier registrieren, dann haben die ja nichts davon, wenn sie nachher eine Email mit falschem Namen kriegen. Wir verlangen den Ausweis oder die Krankenkassenkarte, wenn sie Papier haben wollen.

Ich hätte jetzt gedacht, das ist eine todsichere Einnahmequelle. Sie müssen ja nur möglichst viele Tests machen. Dazu brauchen Sie nur, sagen wir, 1000 Menschen, die sich freiwillig jeden Tag testen lassen. Egal ob das eine Bundeswehrkaserne, ein großer Plattenbau oder ein Flüchtlingswohnheim ist. Sie könnten den Leuten sogar eine Gewinnbeteiligung von zwei Euro anbieten.

Anne: Das dürfen wir nicht. Weder Unternehmenstestungen noch Wohnheime oder Kasernen oder Schulen. Die sind nicht in dem Modell drin, das über die Kassenärztliche Vereinigung läuft.

Ist das eine angenehme Arbeit oder nervt es schon langsam?

Anne: Es macht unglaublich Spaß, auf der Straße zu arbeiten und mit den Leuten zu reden. Total. Die sind alle sehr freundlich, man wird sehr gut aufgenommen.

Gibt es Konkurrenz? Dass Sie wohin fahren und da ist schon jemand anders?

Anne: Ja, das gibt es auch. Die werden dann schon laut und sagen: Hier sind wir! Im Wedding ganz heftig. Die kommen erst mal raus und sagen: Wir holen das Ordnungsamt! Dann sage ich: Bitte schön, wir sind zertifiziert! Wir können stehen, wo wir wollen. Aber es ist natürlich blöd, sich da in einem geringen Abstand hinzustellen.

Hatten Sie überhaupt schon einmal einen positiven Test?

Anne: Nein! Nicht einen! Aber ich weiß, diese Tests, die wir benutzen, die werden auch in Bayern verwendet, die hatten teilweise am Tag zehn bis 15 positive Ergebnisse in einer Unterkunft mit Erntehelfern. Also an den Tests kann es nicht liegen.

Wie lange dauert das Ergebnis?

Anne: Zehn Minuten, eine Viertelstunde.

Und wie läuft das mit den Daten? Geben Sie die ans Gesundheitsamt weiter?

Anne: Die wollen am Abend nur eine Menge haben, also die Zahl der Test. Nur wenn ein positiver Test vorkommt, das muss natürlich mit Namen weitergeleitet werden.


Anmerkung: Dieses Interview entstand am Pfingstsonntag. Inzwischen häufen sich Meldungen, dass einige Corona-Testzentren mit falschen Zahlen und betrügerischen Methoden arbeiten. Der Berliner Senat hat nun angekündigt, alle Testcenter zu überprüfen. Außerdem will das Bundesgesundheitsministerium die Vergütung reduzieren. Das von mogblog befragte Unternehmen benutzt die Software "Placelogg", dabei ist nach seinen Angaben jede Manipulation ausgeschlossen.

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