Stört den Mittagsschlaf

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Gemeine Stubenfliege (Musca domestica): Niemand weiß, wo sie vorher war

Stubenfliege guckt vor und hinter sich. Foto: ks

Fast könnte man meinen, sie sei ausgestorben. Im modernen Großstadthaushalt hat die Stubenfliege (Musca domestica) einen schweren Stand: keine verführerisch duftenden Misthaufen draußen auf der Straße, keine grunzenden Schweine im Hinterhof. Frisches Fleisch, Obst und Gemüse unerreichbar im Kühlschrank oder aseptisch in Plastik verpackt. Deckel auf der Biotonne! Wasserklosett! Ja, genug Scheiße gibt es schon noch, auch in heutigen Zeiten, aber sie rieselt im Verborgenen, geschäftig vor sich hinglucksend im dunklen Untergrund.

In früheren Jahrhunderten gehörte die Stubenfliege zum Alltag des Spießbürgers und hatte geradezu sprichwörtlichen Charakter - ähnlich der Motte, die bekanntlich "zum Licht strebt". Die Fliege stört vor allem den Mittagsschlaf, summt nervig um die Nase herum oder setzt sich gar auf die Glatze. Fliegen sind schwer zu kriegen, aber hat man den Trick heraus, hört der Mensch mit dem Töten gar nicht mehr auf und erwischt gerne "Sieben auf einen Streich". Mehr noch als das Märchen bezeugt Wilhelm Busch den Eingang ins kollektive nationale Unbewusste: "Wart nur, du unverschämtes Tier! / Anitzo aber komm' ich dir!"

Dabei ist Musca domestica ein intelligentes und überaus faszinierendes Lebewesen. So eine kleine Stubenfliege vermag viele Dinge, welche ein Mensch niemals fertigbrächte. Zum Beispiel auf einem Spiegel senkrecht nach oben laufen! Generell richtet sie sich auf senkrechten Flächen aber rasch mit dem Kopf nach unten aus und startet von dort aus gern mit einem halben Salto in Richtung Decke. Dabei kann sie nicht nur nach vorne, sondern auch hinter sich sehen, um zum Beispiel hässlichen Fliegenklatschen auszuweichen. Männchen benutzen ihr erstaunliches Sehvermögen aber auch, um bei all der virtuosen Luftakrobatik potenziell paarungsbereite Weibchen fest im Blick zu behalten.

Andererseits müssen aber auch ein paar eher heikle Eigenschaften erwähnt werden. Die Stubenfliege liebt Buttersäure über alles und wird deshalb magisch angezogen von Kot, Eiter, Aas, Fäulnis und Verwesung jeder Art. Mit ihren sechs Füßchen, mit denen sie schmecken kann, stolziert sie munter darauf herum, erbricht ihren Speichel, um die verflüssigte Nahrung aufzusaugen, und wenn sie dann Sekunden später beim Frühstück auf dem Marmeladenbrot landet, weiß niemand so genau, wo sie vorher gewesen ist. Dazu kommt, dass sie mehr oder weniger ständig vor sich hinkackt, und das will nun auch niemand auf seiner Marmelade haben. Stubenfliegen gelten als Überträger von Krankheiten wie Ruhr, Typhus, Cholera oder Kinderlähmung - bei ausreichender Hygiene ist das Risiko aber wohl gering.

Und von wegen ausgestorben! Erst vorhin summte eine nervtötend im Büro herum. Der Autor öffnete ein Fenster und bat sie freundlich hinaus. Nix totschlagen oder so. Gegenüber Insekten ist mogblog Pazifist.

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