Verpasste Chance

Veröffentlicht in: Kunst & Kultur | 0

Kein Geld für Umzug der ZLB in die Galeries Lafayette

Die Galeries Lafayette in der Friedrichstraße. Hier könnte die Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) unterkommen. Foto: ks

Die Zukunft der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) steht weiter in den Sternen. Im August hatte Kultursenator Joe Chialo (CDU) mit der Idee für Furore gesorgt, die bisher auf drei Standorte verteilte Bibliothek künftig im Quartier 207 in der Friedrichstraße unterzubringen. Die Reaktionen, nicht zuletzt bei der ZLB selbst, fielen durchweg positiv aus. Um die 589 Millionen Euro könnte das etwa kosten - weniger als der mittlerweile auf 640 Millionen Euro veranschlagte Neubau am Blücherplatz. Jetzt aber hat das Berliner Abgeordnetenhaus bei den Beratungen für den Haushalt 2024/25 keinen einzigen Euro für den Umzug reserviert. Insider sprechen schon von einer "Katastrophe".

Seit Jahrzehnten ist geplant, die ZLB endlich an einem einzigen Standort zusammenzuführen. Bisher ist sie verteilt auf die Amerika-Gedenkbibliothek am Halleschen Tor, die Stadtbibliothek in der Breiten Straße, zusätzlich existiert noch ein auswärtiges Magazin. Das bedeutet lange Wege, oft Doppelbestände und eine komplexe Organisation. Zudem sind die Gebäude längst zu klein und marode, wie Kathrin Wirz vom Team Bauprojekte der ZLB beim letzten "Kiezratschlag" des Kiezbündnisses am Kreuzberg kenntnisreich ausführte: "Wir platzen aus allen Nähten, unsere Nutzer:innen sitzen auf den Fensterbänken. Und im Magazin gab es diesen Sommer viel Wasser."

Das Tempelhofer Feld wurde eine Weile als möglicher Standort gehandelt, scheiterte aber nicht nur am Volksentscheid, sondern bestehende Gebäude erwiesen sich bei genauerer Prüfung auch als ungeeignet. Gleiches gilt für das ICC: kein Tageslicht, zu große Dimension und "verkehrstechnisch Scheiße", so Wirz. Diese im Grunde ausdiskutierten Varianten, kritisieren Beobachter, würden vor allem dann vorgebracht, wenn es darum ginge, anderes zu verhindern. Aktuell ins Auge gefasst wurde ein Neubau am Blücherplatz, der die majestätische Heilig-Kreuz-Kirche weit überragt und den Platz mit seinen alten Bäumen komplett ruiniert hätte. Anfang 2020 sollte ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben werden - aber dabei ist es erst einmal geblieben.

Und dann kam Joe Chialo. "Wir waren begeistert von der Idee", heißt es bei der ZLB. Ein offenes, einladendes Gebäude mit dem wunderbaren Glaszylinder in der Mitte, Größe ausreichend, Tragfähigkeit der Decken für die schweren Bücher okay, zentrale Lage, gute Verkehrsanbindung, endlich genug Platz für das Publikum. "Passt sehr gut zu uns", hört man aus dem Team Bauprojekte. Ein würdiger Standort für eine Zentralbibliothek, deren Aufgabe ja auch sei, das "kulturelle Erbe Berlins zu bewahren". Größter Vorteil: Das Gebäude existiert schon und muss nicht erst neu errichtet werden. Der Blücherplatz wäre vielleicht 2040 fertig geworden, hier könnte die ZLB in zwei Jahren einziehen.

Alle waren sich einig: Eine Jahrhundertchance! Kein geringerer als Ex-Kultursenator Klaus Lederer (Linke) schrieb in der taz einen flammenden Appell. Aber warum bekommt Chialo nun trotzdem keinen müden Euro, um mit den Besitzern des Areals wenigstens zu verhandeln? Architekturkritiker Nikolaus Bernau sah im rbb die Schuld ganz klar bei der SPD: "Ob das jetzt aus Parteistrategie ist oder weil man der CDU nichts gönnt oder weil man beleidigt ist ... Ich verstehe es schlichtweg nicht." Ebenfalls im rbb ließ sich die SPD-Kulturexpertin Melanie Kühnemann-Grunow mit dem Verweis auf alternative Standorte zitieren, die ja noch im Gespräch seien, wie etwa das ICC.

Jetzt weiß niemand, wie es weitergeht. Joe Chialo richtete aus, sein Wille zur Umsetzung der ZLB in die Friedrichstraße sei ungebrochen. Für die CDU-Fraktion erklärt Kulturexperte Robin Juhnke, eine Verankerung im aktuellen Haushalt sei gar nicht notwendig. Die Bibliothek hält den Umzug nach wie vor für den "richtigen und offensichtlich einzig möglichen Weg". Dafür sammelt sie Unterschriften, knapp 7300 sind zusammengekommen. Im Übrigen vertraut Generaldirektor Volker Heller "weiterhin darauf, dass der Senator und damit auch der Senat von Berlin eine Lösung findet". Und Berlin, nun ja, hat sich wieder einmal blamiert.

Quellen / Info: Tagesspiegel 03.12.2023: Zukunft der ZLB steht auf der Kippe; taz 04.12.2023: Klaus Lederer: Die Friedrichstraße braucht die ZLB; rbb-online 06.12.2023: Ist das ZLB-Projekt Lafayette gestorben?; rbb-online 07.12.2023: Kein Geld für die ZLB in den Galeries Lafayette; Pressemitteilung ZLB 15.12.2023: Unser Wille ist ungebrochen

Update BZ 31.12.2023: Kultursenator über Lafayette-Pläne. Chialo: Bibliothek an der Friedrichstraße wäre wichtiger Wirtschaftsfaktor. Interessanter Text. Chialo hält offenbar an dem Standort fest und erklärt: "Jetzt geht es darum, mit einem Finanzierungsmodell zu überzeugen."

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert