Berühmtes Paarungsrad

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Hufeisen-Azurjungfer (Coenagrion puella): Das Weibchen wird einfach am Hals gepackt

Hufeisen-Azurjungfern beim akrobatischen Liebesakt. Foto: ks

Es ist schon erstaunlich. Da schlendert man am Wochenende absichtslos durch den Görlitzer Park, viel Sonne, viel Grün, weißer Rauch und der Duft von Gegrilltem hängen in der Luft. Passiert die wachsamen Drogendealer, heiseres Flüstern: Brauchst du was? Geht es dir gut? Müll liegt herum, überall heruntergewirtschaftete, übernutzte Natur, am Teich bereitet es einer Frau diebische Freude, Stöckchen für ihren Köter ins Wasser zu werfen, worauf diverse Wasservögel vor dem Geplansche panisch die Flucht ergreifen. Tatü-tata in der Ferne und dann schweben da plötzlich so helle, blaue ... wie Nadeln ... im Gebüsch. Es müssen Libellen sein!

Es sind viele. Sogar sehr viele! Sie lassen sich für kurze Zeit auf den sonnenbeschienenen Blättern nieder, dann werfen sie sich wieder hastig in die Luft, schwirren aufgeregt herum oder bleiben manchmal auch neugierig an einer Stelle stehen. Das will natürlich fotografiert werden! Und identifiziert! Es sind Hufeisen-Azurjungfern (Coenagrion puella), stellt sich am Abend bei der Internet-Recherche heraus. Wie häufig bei Insekten fällt die Unterscheidung von verwandten Arten schwer, aber die Zeichnung auf den Hinterleibssegmenten stimmt und was sonst noch über das blaue Wunderding zu lesen ist, ebenfalls.

Was für ein seltsames, exotisches Lebewesen! Die Hufeisen-Azurjungfer zählt zu den häufigsten Libellenarten in Deutschland, sie kommt an vielen stehenden Kleingewässern vor - insofern braucht es eigentlich nicht zu verwundern, dass auch im Görlitzer Park welche existieren. Die Weibchen sind übrigens heterochrom, also grau, grün oder schwarz. Natürlich haben die Azurjungfern auch Sex. Reichlich Sex. Auf dem Foto schaut das auf den ersten Blick wie 69 aus, ist in Wirklichkeit aber komplizierter. Ihre Geschlechtsorgane haben beide Geschlechter am 9. Hinterleibssegment, also ziemlich weit hinten. Da das aber anatomisch nicht funktionieren würde, muss das blaue Männchen zunächst einmal seine Spermien in eine Samenblase weiter vorne in Höhe des 2. und 3. Segments transportieren.

Dann packt er das Weibchen mit einer Zange an seinem Hinterleib hinter dem Kopf und dieses versucht nun ihrerseits, mit einer akrobatischen Krümmung ihres Hinterleibs das männliche Sperma in der Samentasche zu erreichen. Dabei entsteht das sogenannte Paarungsrad, für das die Libellen berühmt geworden sind. Die Paarung dauert gut eine halbe Stunde, dabei kommen ständig andere Männchen vorbeigeflogen und gucken neidisch zu. Dieser Akt kann auch beim Fliegen in der Luft vollzogen werden und in der Regel bleiben Männchen und Weibchen bis zur Eiablage auf einem Blatt nahe der Wasseroberfläche eng aneinandergeklammert, wobei das Männchen wie ein bizarrer Leuchtturm senkrecht aus dem Wasser ragt.

Schon erstaunlich, welche Wunder der Natur es sogar in der Großstadt gibt!

 

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