Balkone und Terrassen

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Stockente (Anas platyrhynchos): In der Großstadt weicht sie auf ungewöhnliche Brutplätze aus

Stockenten-Geschwader im Landwehrkanal. Foto: ks

Man findet sie überall. Im Urbanhafen paddeln sie herum und wenn ihnen das zu anstrengend wird, hängen sie im verwahrlosten Gebüsch gleich hinter der Baerwaldbrücke ab oder gegenüber, am flachen, vermüllten Ufer am Böcklerpark. Im Viktoriapark, im Görlitzer Parkteich - überall fühlt sich die Stockente (Anas platyrhynchos) wohl. Wahrscheinlich existiert in ganz Kreuzberg kaum eine Wasserfläche größer als eine Pfütze, wo nicht mindestens eine Ente wohnt. Im tschechischen Pilsen, berichten Freunde, die dort gewesen sind, hat sie sogar einen Brunnen mitten im Stadtzentrum besiedelt.

Wie sehen Stockenten aus? Wie häufig in der Tierwelt sind die Männchen mit ihrem metallisch-grün schimmernden Kopf, dem gelben Schnabel und dem weißen Ring um den Hals deutlich hübscher und attraktiver als die unscheinbar-braunen Weibchen. Das mag damit zusammenhängen, dass die Erpel zwar heftig herumbalzen, aber am Ende die Ente den Geschlechtspartner wählt. Und wenn sie dann die Eier ausbrütet, kann eine gute Tarnung nur nützlich sein.

Was ist das auf dem Foto? Eine Stockenten-Familie. Während kleine Teichrallen chaotisch durcheinanderwimmeln, halten Stockenten-Küken beim Schwimmen absolut streng Position. Auf dem Weg zu einer Futterstelle bewegen sich Mutter und Kinderchen wie von einem gemeinsamen Faden gezogen durchs Wasser. Kein Schnellboot-Geschwader der Bundesmarine könnte damit konkurrieren.

Warum heißen Stockenten Stockenten? Früher hießen sie März- oder Wildenten. Dann entdeckten Biologen, dass sie manchmal - allerdings nicht besonders häufig - auf Stock gesetzte Weiden als Brutplatz nutzen. Das erschien so ungewöhnlich, dass sie jetzt diesen Namen bekamen. Wildtierexperte Derk Ehlert vom Berliner Senat meint allerdings, sie würden besser "Balkon-" oder "Terrassenenten" heißen.

Wie jetzt das? Weil Stockenten in einer Großstadt wie Berlin häufig natürliche Brutplätze fehlen, wählen sie ab und zu ungewöhnliche Standorte zum Nestbau: Flachdächer in großer Höhe, Innenhöfe, Balkone oder Terrassen. Das schafft Probleme: Die Küken können erst nach acht Wochen einigermaßen fliegen, wollen aber schon kurz nach der Geburt unbedingt ins Wasser. Bei schwierigen Brutplätzen brauchen sie dabei Hilfe. Dazu gibt es eine gute Nabu-Broschüre und eine hübsche Geschichte von rbb24.

Was muss ich sonst noch wissen? Stockenten fallen nicht nur optisch, sondern auch akustisch auf. Man setze sich einmal im Sommer um Mitternacht am Böcklerpark an den Landwehrkanal. Erst hört man das auf- und abebbende Gelächter der Partypeople, das helle Klirren der Flaschensammler, Sirenen von Polizei und Krankenwagen. Und dann nörgelig und scheinbar missgelaunt das "wäk-wäk-wäk" der vielen Enten. Wenn man von Kreuzberger Nächten spricht, gehört dieses Geräusch auch mit dazu.

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