Was macht eigentlich …

Veröffentlicht in: Umwelt & Verkehr | 1

... die kleine Insel im Kreuzberger Urbanhafen?

Teile einer Teichrallenfamilie im Kreuzberger Landwehrkanal. Foto: ks

Es geht ihr gut. Offensichtlich geht es auch ihren Bewohnern gut, denn der vor etwa einem Jahr künstlich geschaffene "ökologische Trittstein" im Landwehrkanal ist inzwischen die Heimat einer bemerkenswerten Teichrallen-Großfamilie (Gallinula chloropus) geworden. Dazu gehören zwei Eltern mit sieben winzigen Küken und vier schon etwas ältere Geschwister, vermutlich aus einer vorhergehenden Brut. Ab und zu kommt sogar noch eine weibliche Reiherente (Aythya fuligula) zu Besuch und schaut nach dem Rechten.

Um ihren umfangreichen Nachwuchs zu versorgen, ist die Teichrallen-Mama mit dem markanten rot-gelben Schnabel vor allem mit dem Fährverkehr zum Festland beschäftigt. Eilig steuert sie zum Kanalufer, klettert an Land, pickt dort möglichst viel Essbares auf, paddelt wieder zurück und füttert die kleinen schwarzen Federbällchen, die natürlich sofort angewuselt kommen und gierig ihre Schnäbel aufreißen. Ab und zu trauen sie sich auch ins Wasser und rudern dort neugierig einen halben Meter umher, um sich daraufhin gleich wieder in Sicherheit zu bringen.

Die vier älteren Geschwister im hübschen grauen Jugendkleid sind schon selbstständig im Kanal unterwegs und verständigen sich gegenseitig durch leise Fieptöne, um jederzeit den Überblick zu behalten, wo die anderen sind. Zwei bringen sich gerade gegenseitig das Tauchen bei. Mit den kleinen Küken verstehen sie sich prächtig. Wenn die Mama angerauscht kommt, sperren zuweilen auch die Älteren auffordernd die Schnäbel auf - und werden auch gefüttert, obwohl sie fast schon so groß sind wie die erwachsene Teichralle selbst.

Lässt sich plötzlich eine bedrohliche Nebelkrähe in der näheren Umgebung blicken, stößt die Mutter kurze, abgehackte Alarmrufe aus und schwimmt mutig in Richtung Feind. Auch das bisher unsichtbare Männchen erscheint prompt zur Verteidigung auf der Bildfläche, die Küken verdrücken sich flugs ins Gebüsch. Eine Weile guckt die Krähe genervt in der Gegend umher, dann verzieht sie sich wieder unter möglichst geringem Gesichtsverlust. Auch anderen Wasservögeln gegenüber gibt sich die Teichrallen-Mama selbstbewusst: Lungert ihrer Meinung nach eine Stockente störend im Weg herum, jagt sie diese einfach weg. Selbst vor den großen Alpha-Schwänen hat sie keine Angst.

Drei Wochen später sind die älteren Teichhuhnkinder merklich gewachsen. Ohne jede Scheu lassen sie sich von Passanten füttern. Die kleinen Rallen pendeln munter bis zum Ufer hinüber, hinauf aufs feste Land schaffen sie es aber noch nicht. Alle sieben haben überlebt. Auf der Insel wuchert grüner Dschungel, rosafarben blüht der Blutweiderich. Auch Schwäne, die ab und zu an Gräsern rupfen, und Spatzen haben sie akzeptiert.

Noch vor einem Jahr war Björn Röske vom Wasser- und Schifffahrtsamt Spree-Havel (WSA) eher skeptisch, "ob das eine Chance hat oder irgendwann nur kaputtgehauen wird". Seit kurzem kümmert sich nun das Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) um das Monitoring. Von welchen Vogelarten wird das Eiland bewohnt? Verbergen sich Fische darunter? Nutzen es Säugetiere als Aufenthaltsort? "Wir beobachten das und machen Fotos", erklärt Projektkoordinatorin Rosanna Wiebe. "Dabei geht es uns auch um einen Machbarkeits-Check: Wird die Insel auseinandergenommen oder zugemüllt?"

Im Gegensatz zu einer zweiten Insel am Studentenbad in der Ratiborstraße, auf der praktisch gar nichts wächst, scheint die Neulandgewinnung im Urbanhafen bisher gut zu funktionieren. Was wohl auch mit der erstaunlichen Toleranz der brütenden Vögel zu tun hat. Gegenüber begriffsstutzigen Partypeople, die ihr buntes Gummiboot ausgerechnet an diesem ökologischen Schmuckstück vertäuen müssen oder noch näher heranrudern und unter vielen "Aaahhhs!" und "Ooohhhs!" die niedlichen, kaum geschlüpften Vögel mit Händen zu greifen versuchen. Man macht sich keine Vorstellung, wie bescheuert manche Menschen sind.

  1. hlg

    Schön beobachtet und schön geschrieben, lieber Klaus! Und ja, man macht sich keine Vorstellung, wie bescheuert manche Menschen sind. Das betrifft auch das Füttern der Wasservögel überall am Kanal. Dass das schädlich ist, sollte doch so langsam mal der/die Letzte begriffen haben. Und es sollten endlich entsprechende Verbotsschilder aufgestellt werden.

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