Die Sprache der Vögel

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Gartenrotschwanz (Phoenicurus phoenicurus): Hotel Mama auf den Friedhöfen am Halleschen Tor

Kleiner Gartenrotschwanz hat großen Hunger. Foto: ks

Die Sprache der Vögel zu verstehen, ist eine schwierige, nicht leicht zu erlernende Kunst. Der heilige Franziskus hat sie beherrscht, von dem Filmemacher Pier Paolo Pasolini gibt es in »Uccellacci e uccellini« einen hinreißenden Kommentar dazu. Die Friedhöfe am Halleschen Tor sind ein sehr guter Ort, um ein wenig zu üben.

Am besten setzt man sich irgendwo auf eine Bank und macht sich möglichst unsichtbar. Bewundert vielleicht die schönen Bäume, ärgert sich über das viel zu kurz geschnittene gelbe Gras. Vorne am Mehringdamm fechten Nebelkrähen mit rauen Stimmen Revierkämpfe aus. Amseln flöten, eine Herde Spatzen tschilpt.

Plötzlich kommt ein Gartenrotschwanz angeflogen, ein braunes Weibchen. Auf den ersten Blick sehen sie ein bisschen wie Spatzen aus, sind aber viel schlanker und graziler. Sie sitzen gerne gut sichtbar auf Ästen oder Büschen, inspizieren von dort aus das Gelände und zittern dabei auffallend mit ihrem rostroten Schwanz.

Das Weibchen stößt lockende Laute aus und tatsächlich sitzt da noch so ein kleines Federbällchen herum, die Mutter fliegt hin und blitzschnell wird das Junge von ihr gefüttert. Das dauert keine Sekunde, erst auf dem Foto ist zu beobachten, wie das hungrige Kleine den Schnabel aufsperrt. Boah ey, denkt man überrascht, das ist jetzt aber ziemlich intim!

Die Erklärung: Anfang Juni sind die Jungen zwar flügge, kennen sich aber mit Käfern und Spinnen noch nicht so gut aus und werden von der Mama deshalb eine Woche länger ernährt.

Am nächsten Tag erkennt das Weibchen den merkwürdigen Besucher mit rotem Sweatshirt und Knipse gleich wie­der und kommt neugierig angeflattert. Auch das prächtige, bunt gefärbte Männchen taucht auf, um den Gast zu besichtigen. Ein wenig fühlt man sich schon als Teil der Vogelfamilie. In ein paar Tagen sind die Jungen selbstständig, die Eltern brüten vielleicht noch ein zweites Mal und im September machen sich die kleinen Vögel dann auf die gefährliche Reise nach Zentralafrika.

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