Ein ganz einzigartiges Projekt

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Das House of Life leistete Pionierarbeit – macht jetzt aber leider dicht

Dank der Aktivitäten des ehrenamtlichen Fördervereins ging es im House of Life hoch her: Fest der Inklusion mit Fanfare Gertrude. Foto: ks

Wenn man vor dem House of Life in der Blücherstraße 26B steht, wirkt es nicht besonders einladend. Eine graue, etwas heruntergekommene Betonburg, düster und unnahbar – auch die bunten Wandmalereien von Sergej Dott helfen wenig. Aber nach ein paar Schritten ins Innere ändert sich der Eindruck: Im »Café Bohne« gibt es leckeren Kuchen, im Garten lässt sich wunderbar in der Sonne sitzen und nach einer Weile wird klar, dass diese Menschen im Rollstuhl nicht einfach Menschen im Rollstuhl sind, sondern dass man mit ihnen reden kann.

Jahreskalender 2020. Zeichnung: Hardo

Als das House of Life 2006 gegründet wurde, war es ein ganz einzigartiges Projekt. Den Hintergrund bildete die wachsende Anzahl an schwer AIDS-Kranken, die intensive Betreuung benötigten, aber so gar nicht in ein übliches Seniorenheim mit einem Durchschnittsalter von 85 Jahren passten. Also entstand in langjähriger Kooperation der Berliner Aids-Hilfe mit der FSE Pflegeeinrichtungen gGmbH unter dem Dach der AWO die Idee, ein Pflegeheim nur für Jüngere einzurichten.

Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann bekommt den „Prize of Life“. Foto: privat

Das war das eine Bein des neuen Konzepts. Das andere bestand darin, dieses Heim nicht zu verstecken, sondern mitten hinein in das bunte, vielfältige Kreuzberg zu setzen. Die Bewohner*innen sollten ihr Gesicht nicht verlieren, sie sollten es zeigen, auch »draußen«, Brücken sollten geschlagen werden. »Das größte Geschenk, das man den Bewohner*innen machen kann«, hieß es damals, »ist eine starke und vitale Verbindung zum Leben der Stadt.«

Das ist 14 Jahre her. Viele sind im House of Life gestorben. Neben AIDS stehen inzwischen andere schwere Krankheiten im Vordergrund. In diesen 14 Jahren hat der ehrenamtliche Förderverein ein unglaubliches Feuerwerk an Veranstaltungen und anderen kreativen Ideen abgebrannt (s. rechte Seite). Aber jetzt ist damit Schluss: Nachdem es ursprünglich hieß, das House of Life werde zum 30. Juni geschlossen, ist es nun bereits seit dem 31. Mai dicht.

Der damalige Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (mit Cello) beim Herbstfest 2008 mit Una Gonschorr. Foto: privat

»Die Bausubstanz des Gebäudes lässt ein weiteres Betreiben der Einrichtung durch uns leider nicht mehr zu«, schreibt die Geschäftsführung zur Begründung. Alle zuletzt 80 Bewohner*innen haben inzwischen eine neue Unterkunft gefunden, einige davon offenbar im Goldenherz in der Maxstraße. Die 65 Beschäftigten würden weiterbeschäftigt, heißt es.

Während der Träger FSE in seiner Stellungnahme geltend macht, der Entscheidung sei »ein intensiver Beratungsprozess« vorausgegangen, kam die Schließung für viele Betroffene doch sehr überraschend. Von »vollendeten Tatsachen« ist die Rede, Bekanntschaften seien zerrissen und vieles, was im Lauf der Jahre mühsam geschaffen wurde, mit einem Schlag zerstört worden. »Jetzt gehen sie wieder zurück ins Seniorenheim«, klagt einer.

Beim Träger FSE bemüht man sich hingegen um optimistischere Töne. Das House of Life habe mit der Idee der Teilhabe »wichtige Pionierarbeit geleistet«, heißt es. Und man verspricht: »Das Konzept der Jungen Pflege wird von der FSE weiter verfolgt. Wir sind auf der Suche nach einer geeigneten Immobilie.«


Aufregende Zeit

Nicole Katschewitz. Foto: privat

Nicole Katschewitz ist Vorsitzende des Fördervereins House of Life e.V . Mit ihr sprach Klaus Stark.

Nicole, seit wann weißt du, dass das House of Life geschlossen wird?

Nicole Katschewitz: Das haben wir in einem persönlichen Gespräch am 5. März erfahren.

Wie habt ihr im Förderverein darauf reagiert?

Wir hätten nie gedacht, in welcher kurzen Zeitspanne das Haus geschlossen wird. Wir wollten bis zum Ende alle ehrenamtlichen Angebote weiter anbieten, aber wegen Corona herrschte seit 13. März offizielles Hausverbot.

Ist das House of Life am Ende gescheitert?

Das Konzept einer Pflegeeinrichtung für Jüngere ist nicht gescheitert. Alle Beteiligten haben immer wieder betont, dass dies wichtig und richtig war. Es war eine spannende und aufregende Zeit, die ich im House of Life verbringen durfte, wofür ich sehr dankbar bin.

Löst sich der Verein jetzt auf oder macht ihr weiter?

Das entscheidet die Mitgliederversammlung. We­gen Corona konnten wir die noch nicht durchführen.


Eineinhalb Jahrzehnte lang stand der ehrenamtliche Förderverein den Bewohner*innen zur Seite

Fragt man Marie Hoepfner nach den Höhepunkten der vergangenen Jahre, muss sie erst ein wenig nachdenken. Aber dann sprudelt es nur so aus ihr heraus: »Der Tag der Inklusion im Mai 2014. Der große Saal war proppenvoll! Jocelyn B. Smith, die hat hier 2017 einen Workshop gegeben! Oder der erste Kalender mit Fotos der Bewohner*innen, toll gestylt und im Abendkleid. Das Motto damals war: Ich bin schön! Das hat mich sehr stolz gemacht!«

Marie hat für den Förderverein House of Life e.V. die kulturellen Veranstaltungen organisiert. Der gemeinnützige Förderverein stand dem House of Life von Anfang an zur Seite, war vom Träger unabhängig und arbeitete komplett ehrenamtlich. Sein Ziel war, wie es ein Mitglied einmal formulierte, »in erster Linie das Leben der Bewohner*innen so schön und angenehm wie möglich zu gestalten«. Sein Zeichen ist die rot-grüne Schleife, die Solidarität mit HIV-Positiven symbolisiert, aber auch an die Hoffnung und das Leben erinnern möchte.

Wichtiges Werkzeug dabei war der große Speisesaal mit seiner guten Akustik, der zu einem einzigartigen Ort der Begegnung wurde, einer Schnittstelle zwischen der Innenwelt des House of Life und der Welt draußen. Aber auch ohne die Zeitschenker*innen wäre nichts gegangen – so hießen die zeitweise bis zu 20 Ehrenamtler, die im Pflegeheim für Abwechslung sorgten.

Feuerwerk an Ideen und Engagement

Und was hat sich der Förderverein in diesen 14 Jahren nicht alles einfallen lassen:
• Das Café Bohne öffnete jeden Samstag und Sonntag die Pforten und servierte Kaffee, Tee und Kuchen.
• Im Computerraum wurden die Bewohner*innen beim Surfen angeleitet.
• Mit Hilfe des Restkartenangebots von KulturLeben e.V. besuchten Bewohner*innen Konzerte, Theateraufführungen und Sportveranstaltungen.
• Im Freizeitraum gab es Billard, Dart, Kicker, Wii-Konsole, im Garten Kräuter-Hochbeet und Naschgarten.
• Der Verein mog61 e.V. veranstaltete im Garten des House of Life jedes Jahr Anfang Mai ein Fest der Inklusion mit Livemusik.

• Im Rahmen der Fête de la Musique am 21. Juni fand jedes Jahr das Sommerfest des House of Life statt, wo auch der »Prize of Life« verliehen wurde.
• Im Juli gab es ein Kennenlern-Picknick und im Herbst zusammen mit mog61 e.V. einen Jahreskalender mit schönen Fotos oder Zeichnungen von Bewohner*innen.
• Ganz viel los war zwischen 2015 und 2018 bei der von »Aktion Mensch« geförderten »Kiez Community« – einem Inklusionsprojekt, das ein lebendiges Netzwerk im Kiez knüpfte. Mit vielen Konzerten, Rikscha-Fahren, Mobilitätswerkstatt, Theatergruppe, Ukulele-Unterricht, Blasorchestergruppe, Kiez-Atlas und Fest der Nachbarn am »European Neighbours’ Day«.
• Insgesamt drei Bücher hat der Förderverein herausgebracht mit Biografien von Bewohner*innen und Interviews mit Pflegekräften, Ehrenamtlichen und mit Angehörigen.
• Das Projekt »Kultur am Mittag« sorgt dafür, dass Kulturveranstaltungen künftig vermehrt auch tagsüber und nicht immer nur abends stattfinden.

Was für ein Feuerwerk von Ideen und Engagement! Das alles ist jetzt vorbei. Der Förderverein hat sein Büro bereits räumen müssen. »Es war etwas Besonderes und das Konzept ist auch aufgegangen«, sagt Marie. »Dass es jetzt so hat enden müssen, ist wirklich traurig.«

Immerhin gibt es einen kleinen Lichtblick, berichtet Antje Lange, die sich von Anfang an intensiv für den Verein eingesetzt hat: Möglicherweise werden die Konzerte und andere inklusive Veranstal­tungen, für die das House of Life bekannt geworden ist, unter dem Dach des Nachbarschaftshauses in der Urbanstraße fortgeführt.

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