Free Jazz gegen Corona

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Live-Stream von mog61 e.V. zum Tag der Inklusion

Das Christof Thewes Surrealbook Ensemble Deluxe mit (v. li.) Paul Engelmann, Rudi Mahall, Martial Frenzel, Christof Thewes, Ben Lehmann, Florian Müller, Martin Schmidt und Johannes Fink. Foto: mog61

Es ist schon Tradition, dass der gemeinnützige Verein mog61 Miteinander ohne Grenzen e.V. den 5. Mai mit einem spektakulären Free-Jazz-Konzert begeht. Dieser Tag ist der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung und Free Jazzer gelten in der Musikwelt schließlich ebenfalls als eine Art Randgruppe - gegenüber dem Mainstream haben sie mitunter selbst mit Kommunikationsproblemen zu kämpfen. So gaben sich in den vergangenen Jahren absolute Größen der Szene wie Aki Takase oder Alexander von Schlippenbach im inzwischen geschlossenen House of Life oder im Nachbarschaftshaus in der Urbanstraße ein Stelldichein.

Leider hat 2020 die Covid-19-Pandemie Jazz-Begeisterten zunächst einen Strich durch die Rechnung gemacht. Anfang Mai war der erste Lockdown, kein Gedanke an einen Auftritt mit mehr als 100 Besuchern. Dann sollte ein Teil des Programms auf den Herbst verschoben werden, mit reduziertem Publikum. Zweiter Lockdown. Wieder nichts. Aber diesmal wollte mog61 nicht klein beigeben und Vorsitzende Marie Hoepfner entschloss sich, das Konzert am 27. November zu streamen. Es war der erste Live-Stream in der Vereinsgeschichte, aus dem Nachbarschaftshaus live übertragen in die ganze Welt, unterstützt mit professionellem Know-How von Freakstreet Production und PAM-Events.

Anna Kaluza (li.) und Jan Roder. Foto: mog61

Abgesehen von Musikern, Technikern, Moderation und einem Fotografen ganz ohne Publikum, stets unter Beachtung klarer Abstands- und Hygieneregeln (tatsächlich hat sich niemand infiziert). Ein Abend mit hochkarätigem Jazz, der sich nicht nur in den Pausengespächen immer wieder mit "Inklusion" beschäftigte und sich auch als eine Art Kampfansage an die Covid-19-Pandemie verstehen ließ. Selbst unter diesen extremen Bedingungen war es möglich, einigermaßen gefahrlos Musik zu machen! Gewiss, der Stream ruckelte ab und zu ein bisschen, das schien die mehreren hundert Zuhörer im Netz aber nicht zu stören. Inzwischen sind auf dem mog61-Kanal bei youtube die Originalaufnahmen eingestellt. Mit Christof Thewes Surrealbook Ensemble Deluxe, Anna Kaluza & Jan Roder sowie dem Trio JR 3 (Rudi Mahall, Olaf Rupp, Jan Roder).


Nach dem Konzert hatte mogblog Gelegenheit, sich backstage mit den Künstlern zu unterhalten. Nun sind Free Jazzer naturgemäß sehr kreative Gesellen, sie sind gewohnt zu improvisieren und sich gegenseitig die Stichworte zuzuwerfen. Das Adrenalin vom Auftritt war noch nicht ganz abgebaut, ein oder zwei Bierchen kamen hinzu und so drehte sich das Gespräch zunächst um die bevorzugte Brauerei. Christof Thewes (Posaune) ist kürzlich Großvater geworden, war zu erfahren, aber dann wurde es plötzlich doch sehr grundsätzlich:

Martial Frenzel (Drums): Ich würde Paul gern nach dem Sinn des Lebens fragen.

Paul Engelmann (Alt-Saxophon) : Also, na ja, Das was wir heute erlebt haben, ich mach jetzt mal eine große Umarmung, das war schon ein sehr schöner Abend. Selbst zu Corona-Zeiten haben wir das durchgezogen, das Konzert hat stattgefunden. Ich finde, solche Veranstaltungen sind eigentlich eine gute Sache. Aber Jan, du hast ja heute zweimal gespielt, wie war das für dich?

Jan Roder (Kontrabass): Wenn man so spielt, besonders wenn man improvisiert, ist es ja ... Es geht in dem Moment so, wie es in dem Moment geht, miteinander (Gelächter), das ist ja das Interessante, also sozusagen des Erlebnis des Jetzt (Gelächter). Man übt, man macht alles Mögliche und dann spielt man miteinander, man hört zu, man kommt auf Ideen und dann kommt die nächste Band und da kommt man dadurch, dass andere Leute da stehen, natürlich auch auf ganz andere Ideen (Gelächter). Also es ist ein gegenseitiges Sich-Begießen mit Ideen sozusagen, und daraus entsteht dann das, was kommt (Gelächter).
Aber ich habe eine Frage an Olaf: Was ist es, das macht, dass es dann so gut funktioniert, wenn es gut funktioniert, wenn man miteinander spielt (alle lachen)?

Olaf Rupp (E-Gitarre): Na ja, es muss zusammenpassen und es muss immer irgendwie genau richtig sein. Man spielt ja eigentlich immer das, was einem gerade in den Kopf kommt. Aber es muss auch vorher passen. Was heute total Klasse war, das Drumrum, wie das organisiert ist, dass Leute mithelfen, wie der Soundcheck ist, das ging alles so problemlos und das hilft sehr viel, dass man da im Kopf dabeibleibt und sich einfach auf die Musik konzentrieren kann.

Ben Lehmann (Kontrabass): Ich fand das heute wunderschön. Es ist alles gut, ich bin total zufrieden mit dem Abend und würde es gern nochmal machen.


Die Originalaufnahmen: Free Jazz im Zeichen der Inklusion 2020:

Weitere Infos hier; im Frühjahr ist evtl. eine Fortsetzung mit Aki Takase & Alexander von Schlippenbach sowie The Clarinet Trio geplant.

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