Gegen das Vergessen

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Burkhard Hawemann führt durch die Obentrautstraße

Burkhard Hawemann vor der Obentrautstraße 46. Foto: ks

Seit langem ist die historische Führung von Burkhard Hawemann zu Stolpersteinen im Kiez ein fester Bestandteil der Kiezwoche am Kreuzberg. Die von dem Künstler Gunter Demnig erfundenen Steine sollen an das Schicksal von Menschen erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus deportiert und ermordet wurden. Hawemann forscht seit 20 Jahren zur Geschichte hinter den einzelnen Namen und hat mittlerweile zu allen Stolpersteinen links und rechts des Mehringdamms Biografien recherchiert.

In diesem Jahr führt er am Mittwoch, 31. August, ab 18 Uhr durch die Obentrautstraße - zwischen Großbeeren- und Möckernstraße. Dort gibt es bislang keinen einzigen Stolperstein, obwohl in dem Viertel viele Menschen jüdischer Herkunft lebten und unter der Verfolgung durch die Nazis litten.

• Startpunkt ist die Obentrautstraße 46. Dort wohnte nach Recherchen von Hawemann die Familie Lazarus. Der Vater wurde von den Nationalsozialisten ermordet, die nichtjüdische Mutter und zwei Töchter haben hingegen überlebt. Erstaunlicherweise wohnte eine Tochter sogar noch bis in die siebziger Jahre im selben Haus. Sie heiratete nach dem Krieg einen Nachbarn jüdischer Herkunft aus dem Haus gegenüber, der als einziger seiner Familie das Konzentrationslager überstanden hatte.

Nach dem Krieg hatte er die Möglichkeit, einen Wiedergutmachtungsantrag zu stellen. Hawemann: "In den Akten im Landesarchiv Berlin kann man heute noch sehen, wie die damaligen Beamten mit den Opfern umgegangen sind und Verfahren in die Länge zogen. Das ist wirklich dramatisch. Sie verlangten von den Opfern immer wieder, Beweise für den Entzug ihres Eigentums zu erbringen - was ja unmöglich war. Es endete wie oft in ähnlichen Fällen damit, dass der Antragsteller eigentlich aufgegeben hat und kurz danach gestorben ist."

• In der Obentrautstraße 54 lebte die Familie Paul und Lilli Hahn mit Tochter Inge. Sie wurden im Oktober 1942 nach Riga deportiert und dort direkt nach ihrer Ankunft ermordet. Lilli Hahn geb. Aronheim hatte zuvor über 35 Jahre in diesem Haus gewohnt, ihre Mutter war dort genau ein Jahr vor der Tochter gestorben.

• In der Obentrautstraße 61 lebten Jakob Bein mit Ehefrau Rieke geb. Arndt, den Töchtern Wally und Selma sowie Sohn Willy. Der Sohn wurde 1938 in das KZ Buchenwald eingeliefert. Im selben Jahr starb der Vater, die Mutter 1942 - kurz nachdem Tochter Selma nach Riga deportiert worden war. Ein Jahr später kam Wally Bein nach Auschwitz.

Außerdem werden bei dem Rundgang die Häuser Obentrautstraße 51, 53, 58, 60, 61, 68 und 70 besucht. Die Idee hinter den Stolpersteinen ist ja, dass sich am besten Hausbewohner oder Nachbarn finden, die einen solche Stein verlegen und dann auch eine Patenschaft dafür übernehmen. Deshalb würden sich die Initiatoren der Kiezwoche freuen, wenn an der Führung in diesem Jahr möglichst viele Bewohner der entsprechenden Häuser teilnehmen. Aus Interesse, weil sie Informationen beitragen können oder um selbst etwas gegen das Vergessen zu unternehmen. Hawemann: "Je mehr Leute dazukommen, umso schöner wäre es!"

Info: Stolpersteine in Berlin

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