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Auf dem Dragonerareal sollen 2027 die ersten Mieter einziehen

Konzept für das Kreuzberger Dragonerareal: Wohnen (gelb), Verwaltung (grün), Gemeinwohl (pink), Gewerbe (blau). Grafik: SMAQ Architektur und Stadt / Man Made Land / S.T.E.R.N.

Auf dem Kreuzberger Dragonerareal tut sich was: Seit einigen Tagen rollen auf dem früheren Kasernengelände die Bagger. Allerdings geht es vorerst nur um Entsiegelung, Abriss und Bauvorbereitung. Die eigentlichen Bauarbeiten für die ersten 240 Wohnungen sollen im ersten Halbjahr 2025 beginnen - dann könnten die ersten Mieter 2027 einziehen.

Das bestätigte die Chefin der Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM), Christina Geib, am Montag. Vor zweieinhalb Jahren war der städtebauliche Entwurf für den Rathausblock öffentlich vorgestellt worden. Daraus ist inzwischen ein überarbeitetes "Konzept" geworden, das als Grundlage für den nötigen Bebauungsplan dienen soll. Seit 18. Juli kann es auf zehn Schautafeln in der sogenannten Kiezgalerie an der Rückseite des Finanzamts besichtigt werden.

Insgesamt sind auf dem Areal 470 bezahlbare Wohnungen geplant - unter anderem in fünf großen Blöcken und einem 16-geschossigen Hochhaus. Dazu Ergänzungsbauten für Finanzamt und Rathaus, ein massiver Gewerberiegel in Form einer "Urbanen Fabrik" mit lautem Handwerk, eine Kita, Jugendfreizeitstätte, Begegnungsräume für die Nachbarschaft und jede Menge Begrünung. Inzwischen wurden Details des Entwurfs weiter konkretisiert. So soll der Charakter des vorhandenen Wäldchens hinter dem Rathaus "trotz der drückenden Bebauung" gewahrt werden, versprach S.T.E.R.N.-Sanierungsbeauftragte Ulrike Dannel.

Beim geförderten Wohnraum wird derzeit ein Anteil von 80 Prozent angestrebt - dabei müsse aber auch die "soziale Stabilität" gewährleistet sein, so WBM-Chefin Geib. Für die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) wies Birgit Möhring darauf hin, dass bisher für den Gewerbeteil überhaupt keine Finanzierung vorliegt. Das Quartier wird in einem "partizipativen Werkstattverfahren" entwickelt, bei dem neben Senat, dem Bezirk, BIM und WBM auch Vertreter von Initiativen und Gewerbetreibenden mit am Tisch sitzen.

Entsprechend oft wurde am Montag das Wort "Modellprojekt" bemüht. "Wir probieren hier Sachen aus, um für andere Fälle zu lernen", sagte der Kreuzberger Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne). Speziell der beim Dragonerareal erstmals eingesetzte Zukunftsrat könne ein Modell für andere Standorte sein. Auch sonst fehlte es beim Pressetermin nicht an großen Worten. Versprochen wurde ein autoarmes und klimaresilientes Quartier der kurzen Wege mit bezahlbaren Wohnungen, einem kompakten Gewerbestandort, gemeinwohlorientiert, zukunftsweisend, barrierefrei, selbstbestimmt, das - auf Nachfrage - im Winter kein russisches Gas zum Heizen braucht. Ist ja schon mal eine Ansage.


Der Zeitplan

Im Vorfeld hatten drei Planungsteams Entwürfe für das neue Quartier ausgearbeitet. Ende Januar 2020 wurde die Variante von SMAQ, Man Made Land sowie Barbara Schindler ausgewählt und öffentlich vorgestellt. Kernpunkt ist eine Mischung aus Wohnen und Arbeiten mit knapp 500 Wohnungen und einem 16-geschossigen Hochhaus. Ursprünglich sollte daraus bereits bis Herbst 2021 ein stabiles Konzept entwickelt werden, das dauerte jetzt fast ein Jahr länger.

Momentan gilt die Fläche als Gewerbegebiet. Deshalb muss ein gültiger Bebauungsplan aufgestellt werden, der bis Ende 2023 / Anfang 2024 Planreife erlangen könnte. Das ist die Voraussetzung, damit in der ersten Hälfte 2025 die Bauarbeiten für die ersten 240 Wohnungen in fünf großen Blöcken beginnen. Erste Mieter könnten dann schon 2027 einziehen. Bis der Gesamtkomplex fertig ist, dauert es wohl noch deutlich länger. Für Baustadtrat Florian Schmidt steht im Vordergrund, "dass man die Dinge gut macht. Dann kommt es auf zwei, drei Jahre nicht an", sagte er.


Die Legende

Götterbaum und Kanadische Goldrute fühlen sich auf dem Dragonerareal wohl ...

Die Berliner Zeitung hat den Rathausblock, besser bekannt als Dragonerareal, einmal als "symbolträchtigste Fläche Berlins" bezeichnet. Jahrzehntelang wurde die 4,7 Hektar große ehemalige preußische Kaserne vor allem von Kleingewerbe genutzt, andere Teile lagen brach. Im Jahr 2010 wollte der Bund, vertreten durch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA), das Areal gegen Höchstgebot auf dem Immobilienmarkt losschlagen. Erste Akteure aus der Zivilgesellschaft erschienen auf dem Plan, wehrten sich dagegen und witterten wohl die Chance für eine Neuauflage des Kreuzberger Häuserkampfes aus den achtziger Jahren. Der Kampf um das Dragonerareal hatte begonnen.

Zwei Mal hat die BImA vergeblich versucht, das Gelände an meistbietende private Investoren zu verscherbeln. Am Ende scheiterte der Bund im Bundesrat, weil inzwischen sogar die Politik den Ausverkauf der Stadt als Problem erkannt hatte. Nach langem Ringen wurde das Grundstück im Sommer 2019 endgültig an das Land Berlin übertragen. Damit war die Grundlage für eine kooperative und gemeinwohlorientierte Entwicklung gelegt.

... und hinter hübschen Ackerwinden wirkt selbst das gestrenge Finanzamt sympathisch. Fotos: ks

Besonders an dem Quartier sind nicht nur die zentrale Lage und der Charme der defensiven Nutzung. Die Kasernengebäude reichen bis etwa 1855 zurück (ungefähr aus dieser Zeit stammt auch der Landwehrkanal), weshalb der Denkmalschutz schwer die Hand darauf hält. In der Kaserne wurden im Januar 1919 im Rahmen des Spartakusaufstandes sieben Parlamentäre ermordet, in den 1920er Jahren entstand ein ziviler Ort der Automobilität. Während des Zweiten Weltkriegs waren dort Zwangsarbeiter untergebracht.

Neben der Idee einer kooperativen Entwicklung unter Einbeziehung von Mietern und Zivilgesellschaft geht es vor allem darum, wie sich die denkmalgeschützten, oft flachen und eingeschossigen Gebäude mit einer sinnvollen Nutzung verbinden lassen und wie genau diese Nutzung aussehen soll.


Der Film

Unter dem Titel "Kleinod vor dem Umbruch" haben die Kreuzberger Ulrike Hartwig und Sebastian Nagel einen Dokumentarfilm über das Dragonerareal gedreht, der im Vorfeld vor allem durch eine überaus laute Crowdfunding-Kampagne auffiel. Auch jetzt noch kann man das Projekt mit T-Shirts und Stofftaschen unterstützen. Nach mehr als zwei Jahren Arbeit ist der Low-Budget-Streifen inzwischen fertig. Premiere war am 10. Juli im BKA-Theater, künftig soll er zeitweise auch kostenlos zu sehen sein.

Die Filmer wohnen ganz in der Nähe, haben das Gelände nach eigener Auskunft aber erst 2019 für sich entdeckt. Sie wollten den "fragilen Ist-Zustand des Dragonerareals in Bildern und Interviews vor dem großen Umbau festhalten und dabei den Bezug zu Vergangenheit und Zukunft aufzeigen". Das funktioniert ganz gut. Eingangs werden viele handelnde Personen mit kurzen Statements vorgestellt: einige Autoschrauber, Künstler, der Besitzer einer Polsterwerkstatt, dazu zahlreiche AktivistInnen, die sich in einer unüberschaubaren Anzahl von Initiativen engagieren.

Es ist lustig, Freunden und Bekannten hier auf der Leinwand zu begegnen, und es ist sicher ein großes Verdienst dieses Films, abstrakte Fragen der Stadtentwicklung mit Leben zu füllen und auf die davon betroffenen Menschen herunterzubrechen, die an ihren Kindheitserinnerungen hängen, nach drei Jahrzehnten die Firma an den Sohn übergeben wollen oder auf dem Gelände einfach gern grillen. Dann wird versucht, die komplexe Geschichte des Areals ebenfalls mit Hilfe von Kurzinterviews nachzuerzählen, nur unterstützt von stimmungsvollen Standbildern, ein paar Drohnenflügen und den dramatisierenden Schlagzeugimprovisationen von Ernst Bier. Und da merkt man schnell, dass das ohne begleitendes Skript mühsam ist und sehr lange dauert.

Irgendwann im zweiten Drittel bricht das dann plötzlich auseinander und fasert in alle möglichen Richtungen aus. Während sich die einen an der Realität orientieren und halt ihren Club behalten wollen, frönen andere mehr oder weniger privaten Hobbies, träumen von "Gemeinwohlwaben", würden die Brache am liebsten Brache sein lassen oder finden, wie man unterstellen kann, Kapitalismus ohnehin Scheiße. Am Ende werden längere Interviewausschnitte wahllos aneinandergereiht, die - nichts für ungut - in ihrer Beliebigkeit teilweise an Diskussionen in der Stammkneipe nach dem dritten oder vierten Bier erinnern.

Bei allem Verdienst also drei Kritikpunkte: Filmisch gesehen lassen sich 111 Minuten nicht ausschließlich mit Interviews und Standbildern füllen, ohne dass es bald langweilt. Aus journalistischer Sicht hätte man viele Statements kürzen und einige auch ganz streichen können. Der gewichtigste Einwand ist sachlicher Natur: Als Hartwig und Nagel mit dem Drehen begannen, lag der städtebauliche Entwurf für das Dragonerareal bereits öffentlich vor - das war im Januar 2020. Der Film nimmt an keiner Stelle darauf Bezug. Damit fällt er nicht nur zweieinhalb Jahre in der Zeit zurück, er drückt sich auch vor der wesentlichen Konfrontation: Sind die porträtierten Handwerker und AktivistInnen nun mit dem Ergebnis zufrieden? Hat sich ihr Engagement gelohnt? Das wäre die entscheidende Frage gewesen.

Kontakt: Kleinod vor dem Umbruch

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