Die Krise ist vorüber

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Hammett hat Corona überstanden und gewinnt sogar einen Preis

Humphrey Bogart und Christian Koch (v. li. n. r.). Rechts oben erkennt man die Dashiell-Hammett-Gedächtnisecke mit dem Malteser Falken. Foto: ks

Die Krimibuchhandlung Hammett gegenüber der Marheineke-Markthalle ist seit 26 Jahren eine feste Adresse im Kiez. Als die Friesenstraße umständlich renoviert wurde, stand der Laden vor dem Aus. Nun hat Inhaber Christian Koch sogar den Deutschen Buchhandlungspreis gewonnen. Und wie läuft es mit Corona? mogblog hat mit ihm gesprochen.

mogblog: Herr Koch, Sie haben den Deutschen Buchhandlungspreis gewonnen. Freuen Sie sich darüber?

Christian Koch: Ja, vergangenen Freitag kam die Nachricht. Da war schon große Freude. Es war aber auch eine Überraschung. Ich habe mich für diese Auszeichnung schon viermal beworben und wurde vorher nie berücksichtigt.

Sie bekommen 7000 Euro als Preis. Die können Sie gut brauchen, nehme ich an.

Das stimmt. Es wird einen kleinen Bonus für meinen langjährigen Mitarbeiter geben, der seit fast zehn Jahren hier mit an Bord ist. Dann ein Mini-Dankeschön an unsere neue Kollegin. Und der Rest wird tatsächlich, auch wenn das ein bisschen phantasielos klingt, für Schulden draufgehen. Das wissen Sie und Ihre Leser ja auch, dass wir eine große Krise hatten durch gut 16 Monate Baustelle. Man kann wirklich sagen, auch ohne diesen Preis, wir sind raus aus dieser Krise, aber es sind einfach noch Schulden da. Ich habe jetzt nichts hier wie neue Rolltreppen oder etwas in der Art, was dringend notwendig wäre, also knall ich es dafür auf den Kopf.

Wie geht es Ihnen denn mit Corona? Ihr Mitarbeiter, Herr Schekulin, hat der "Berliner Morgenpost" schon gesagt: Dass wir offen bleiben durften, hat uns gerettet!

Ja, das kann man ganz einfach so sagen. Das Land Berlin hatte ja bei beiden Lockdowns die Besonderheit, dass die Buchhandlungen auf haben durften. Beim ersten Lockdown war es Berlin und Sachsen-Anhalt, beim zweiten Berlin und Brandenburg. Alle anderen Bundesländer haben ihre Buchhandlungen für viele, viele Monate geschlossen gehalten oder eben nur: An der Tür anklopfen - gib mir bitte das Buch raus! Damit kannst du ein bisschen was auffangen, aber deine Miete musst du trotzdem zahlen, deine Unkosten auch. Und wir haben, das kann man jetzt wirklich sagen, nach 15 bis 16 Monaten Corona-Zeit, wir haben Monat für Monat gute Umsätze gehabt. Manche denken, der Buchhandel ist - positiv gesehen - explodiert. Das ist nicht so. Ich finde das auch erklärbar. Für viele Menschen ist das eh eine anstrende Zeit gewesen oder ist es immer noch. Und ob man dann abends Lust hat, ein Buch mehr als sonst zu lesen, wage ich persönlich zu bezweifeln.

Kaufen Ihre Kunden jetzt anders ein als vor Corona?

Was sich deutlich verändert hat: Das Stöbern in der Hammett-Buchhandlung ist arg reduziert worden. Das fühlt sich für die Menschen nicht mehr so gut an. Muss man akzeptieren, finde ich. Wir haben deutlich mehr als sonst verschickt. Wir sind da sehr flexibel, Sie können bei uns ein Buch bestellen und das geht dann an Ihren Vater in Hamburg mit Elefantenpapier und noch ne Kreuzberger Chronik mit drauf, das können wir, weil wir klein sind. Was ich persönlich am spannendsten finde, dass sehr viel gezielter eingekauft wurde. Also ich brauche ein Buch für meine Tochter, die ist jetzt den ganzen Tag zuhause, weil die Schule ausfällt. Und wir können nicht in Urlaub fahren, also bestelle ich mir einen Fotoband über Alaska. Das ist anders als sonst gewesen und wir haben sehr viel mehr Bestellbuch gehabt, also artfremde, genrefremde Sachen - dafür aber umgekehrt auch weniger Genre. Was sicher auch ein bisschen schade ist, weil wir sind immer noch eine Krimibuchhandlung.

Und der Geschmack bei den Krimis?

Fast alle Leute, mit denen wir Kontakt hatten, haben gesagt: Bitte nichts mit Viren, Bakterien, Seuchen, da haben wir überhaupt keinen Bock drauf. Und ganz viele, relativ unabhängig davon, was jeder Mensch vorher gern mochte, gelesen hat oder was ihn auch interessiert hat, ganz viele haben den Wunsch geäußert: Ich möchte etwas mit einem halbwegs guten Ende. Ich möchte nicht nachts noch mehr nachdenken über die Welt, wie das wird ... Und es ist auch ein bisschen mehr "cosy" geworden, also ich brauche jetzt keine Serienkiller, keine Gewalt, ich brauch nicht die düstere Seite der Menschheit. Das fand ich persönlich sehr interessant, weil sich das ja in vielen Monaten herauskristallisiert hat.

Insgesamt klingt das so, als wären die Bauarbeiten in der Friesenstraße für Sie viel schlimmer gewesen als die ganze Corona-Pandemie.

Ja. Ich kann das auch mit Zahlen belegen. Diese 16 Monate Baustelle, wenn man eine Zahl nennen will, haben 60 000 Euro gekostet. Das ist für uns verdammt viel Geld. Dann kam der Oktober 2019, damit begann es. Da haben wir uns an die Öffentlichkeit gewandt und die Öffentlichkeit hat reagiert. Das waren taz und Tagesspiegel, das waren aber auch ganz viele kleine Aktionen, zum Beispiel hatten wir ein Flugblatt hier in unseren Farben Schwarz auf Gelb, und das haben viele mitgenommen und die haben das in ihre Hausflure gehängt. Und haben gesagt: Bestellt bei dieser Buchhandlung, der geht's dreckig, die können da nichts für. Dadurch hatten wir einen sehr guten Oktober und einen außergewöhnlich guten November und ein einfach phantastisches Weihnachtsgeschäft. Und damit war das Hammett erst mal gerettet. Januar und Februar sind wie in vielen anderen Gewerken maue Monate, aber auch das waren beides wirklich gute Monate. Und dann, weiß ich noch, saß ich hier und dachte: Corona? Jetzt? Das kann nicht sein. Aber im Rückblick, wir können wirklich sagen: Wir haben keine Einbußen. Man braucht ja nur 100 Meter weit gehen und sieht leere Geschäfte. Da hat es uns nicht erwischt.

Das heißt: Die Krise ist überstanden und es geht vorwärts. Mal gucken, was die Zukunft bringt?

Ja, ganz genau. Und zwar wirklich, wenn ich das so einfach sagen kann, auch wieder mit alter Freude.

Jetzt hat jeder Buchhändler doch ein paar Tipps, was man zur Zeit unbedingt lesen muss ...

Bei den etwas neueren Büchern ist mein gerade gelesener Favorit vom Wochenende eine Gemeinschaftsproduktion von Beth Ann Fennelly und Tom Franklin aus Amerika, Titel: Das Meer von Mississippi. Ein wunderschöner Südstaaten-Roman, sehr kraftvoll, erzählt viel über die Menschen da. Dann muss ich sagen, für einen Kunden, der mich nach Urlaubsliteratur gefragt hat, habe ich es zurückgelegt, es ist schon ein paar Monate alt, amerikanischer Autor, James McBride, kein Krimi-Autor, ich würde sagen Krimi-Randbereich: Der heilige King Kong, über eine kleine Gemeinde in Brooklyn mit vielen skurilen Leuten. Und als drittes ein für mich absolutes Highlight, eine britische Autorin, Kate Atkinson, Titel: Weiter Himmel. Sie wird in Deutschland als Krimi-Autorin verkauft, aber eigentlich schreibt sie Romane mit Spannungselementen und hat in England damit einen Jenseits-Erfolg.

Apopos, weil wir gerade darüber sprechen: Was halten Sie von meinem Freund Philip Marlowe?

Na ja, das erste, was mir einfällt: Held meiner Jugend! Absolut!

Kennt den überhaupt noch jemand außer Ihnen und mir?

In der Zeit vor Corona, wenn ich Autoren aus Amerika da hatte, wirkliche Namen wie Michael Connelly und andere, und ich spreche mit denen: Was liest du gerade? Was hörst du für Musik? Was guckst du für Filme? Es gibt keinen Autor, der so oft genannt wird als Klassiker, der immer wieder von den großen zeitgenössischen Autoren gelesen wird, wie Raymond Chandler mit Marlowe.

Info: Hammett Krimibuchhandlung

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