Eigenes Leben, eigene Entscheidungen!

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Karl August Wörner (1948-2021) war kein Mann für Kompromisse

Karl August Wörner. Foto: privat

Als ordentlicher Mensch hat er wie gewohnt abgewaschen und aufgeräumt. Und bestimmt las er sich vorher noch einmal durch alle Zeitungen und trank seinen täglichen Rotwein ... Am 12. Juni hat Karl August Wörner seinem Leben aus eigener Entscheidung ein Ende gesetzt. Selbstbestimmt, wie er gelebt hat, ging er aus seinem Leben fort. Ruhig und zurückhaltend, kein Mann großer Worte, aber sehr empathisch.

Statt wortreich pflegte er bei tiefgehenden Gesprächen kurz und gründlich zu analysieren. Er war ein angenehmer Austauschpartner, der reflektierte, was andere sagen oder meinten, bevor er sich zu Wort meldete. Er konnte besonders gut zuhören, aber wenn ihm etwas nicht passte, auch seine Meinung lautstark vertreten. Denn wenn ihm jemand unerhört oder unverschämt vorkam, dann war er ganz Berliner Schnauze.

Er war ja ein Wahlberliner. Die letzten 16 Jahre lebte er in der Hauptstadt, nachdem er zuvor fast zwei Jahrzehnte lang der Stadt durch Besuche immer wieder seine Aufwartung gemacht hatte. In Berlin ging er gern in Ausstellungen, Museen, Galerien, kannte sich sehr gut aus mit der Berliner Stadtgeschichte und las viel. Politisch war er immer eher links.

Umso erstaunlicher, dass er mit 18 eine Ausbildung bei der Bundeswehr als Gebirgsjäger begann, die er allerdings frühzeitig abbrach, da das militärische Erziehungssystem ihm widerstrebte. Die Malerei, die er dann an der Kunstakademie in Bremen studierte, passte hingegen eher zu seiner Persönlichkeit. Ein paar Jahre arbeitete er beim Bremer Theater und später als Altenpfleger in Oyten. Dann lernte er seine Frau Ute kennen. Obwohl er ein Stadtmensch war, lebte er Ute zuliebe in einem Dorf, wo er sich in ihre Tierpraxis einbrachte.

2005 zogen sie zusammen nach Berlin. Wer in eine neue Stadt zieht, wünscht sich meist nichts sehnlicher, als einen Ort zu haben, an dem man sich zuhause fühlt, soziale Kontakte knüpft und aufgefangen wird. Das Bermuda-Dreieck in der Gneisenaustraße war so ein Ort für die beiden. Hier waren er und Ute Stammgast und saßen fast jeden Tag am Tresen in der Nähe des Fensters. Immer mit dabei: ihre beiden großen Hunde. Wie viele andere Gäste schätzten auch sie vor allem die familiäre Atmosphäre, wo jeder jeden kannte und August sich zu Hause fühlte.

Die Schließung des Bermuda-Dreiecks war ein schwerer Schlag für ihn, so dass er ernsthaft daran dachte, mit einem anderen Stammgast die Kneipe weiterzubetreiben. Leider kam es nicht dazu. Ein Jahr nach der Schließung verstarb seine geliebte Frau Ute an einem Krebsleiden. Er brach innerlich zusammen. "Ich vermisse Dich unendlich. Du warst das Beste in meinem Leben“, schrieb er in der Todesanzeige. Alle Stammgäste des Bermuda-Dreiecks kamen zur Beerdigung und versuchten ihn zu unterstützen.

Ein Zuhause fand er danach noch in der Cantina Orange in der Mittenwalder Straße, wo er ein gern gesehener und gehörter Stammgast war. Er war auch dabei, als der Verein mog61 e.V. gegründet wurde. Es war für ihn nochmals wie eine Familie, ein bisschen wie eine neue Heimat. Aber wieder schloss auch dieses Restaurant.

Vor vier Jahren starb dann seine Katze als letztes seiner Haustiere. Nach diesem Verlust konnte er sich nicht mehr vorstellen nochmals ein Tier zu besitzen. So ging er täglich viel spazieren und besuchte jede Woche das Grab von Ute. Als ein an Kultur interessierter Mann, der gerne in Ausstellungen, Museen, und Galerien ging, sammelte und ordnete August sorgfältig alles, was ihm wichtig war - von Fotos, Zeitungsartikeln bis zu Eintrittskarten der Veranstaltungen, die er besuchte. Er war immer schwarz gekleidet und sein ständiges Markenzeichen war ein schwarzer Ledermantel.

Schlussendlich kam die Corona-Pandemie. Alles schließt. Nur noch Einschränkungen für ihn, der stets selbstbestimmt leben wollte. Mit dem Lockdown kam die totale Einsamkeit. Es kam eine Erkrankung hinzu, die er gegen ärztlichen Rat zu Hause behandeln ließ. Eine Woche vor seinem Tod traf ich ihn auf der Straße und er erzählte mir, wie sehr er die Aussicht auf einen Krankenhausaufenthalt ablehnte. Es kam nicht dazu. Er war kein Mann für Kompromisse. In den letzten Jahren lebte er sehr zurückgezogen. Er hatte zu viel von dem verloren, was für ihn ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben ausgemacht hatte.

August war bei der Entstehung des Vereins mog61 e.V. dabei. Eine schöne Zeit, die er in der Cantina Orange (mit)erlebt und intensiv begleitet und unterstützt hat. Er wird uns allen in guter Erinnerung bleiben und wir werden seiner stets als eines lieben Menschen gedenken. Wegen der Corona Regeln finden Trauerfeier und Beisetzung in sehr kleinem Kreis statt.

Marie Hoepfner, Vorsitzende des Vereins mog61 e.V.

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