Ist das Kunst oder kann das weg?

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BKA am Mehringdamm wird Opfer einer Graffiti-Attacke

Wo jetzt NHS steht, stand zuvor "BKA Theater" - Eigenwerbung für die liebenswerte private Kleinkunstbühne im fünften Stock. Foto: ks

Wer am Mehringdamm direkt gegenüber von Curry36 den Kopf in den Nacken legt, kann es gut erkennen. Es sind nur drei Buchstaben. "NHS" steht da weiß mit schwarzem Rand vor rotem Hintergrund. Ein sogenanntes Tag, wie es Graffiti-Sprayer gern als eine Art Pissmarke an schwer zugänglichen Orten hinterlassen. Solche Tags bringen "Fame", heißt es, also Ansehen innerhalb der Szene. Das Problem in diesem Fall: Das Tag steht nicht irgendwo, sondern verdeckt die Eigenwerbung des BKA Theaters, das im fünften Stock des Gebäudes residiert.

Entsprechend angepisst reagierte man dort Anfang Januar, als der Schaden entdeckt wurde. "In der letzten Nacht wurde unser Logo getaggt und das Werk signiert. Das zu entfernen wird uns mehrere tausend Euro kosten und ist im Moment das absolut Letzte, was wir brauchen können. Die Polizei wird uns nicht helfen können, die Versicherung übernimmt den Schaden leider nicht", schrieb das Theater dazu am 5. Januar auf Facebook. "Wir sind im Moment sprachlos, wollen das aber auch nicht einfach so hinnehmen. Hat jemand eine Idee? Vielleicht kann uns jemand helfen? HInweise, die zur Feststellung der Täter führen, werden mit 2 Eintrittskarten belohnt."

Nun ist das Kürzel "NHS" in der Berliner Graffiti-Szene alles andere als unbekannt. Die Gruppe "Nasty Hustlers" besitzt einen eigenen Instagram-Account, wo aktuell (Stand: 23.01.2021) sogar eine Art Bekennerfoto von der nächtlichen Aktion am BKA-Rooftop zu sehen ist - mit dem Bildnachweis "Photo @musa.frames". Mit dem gleichen Foto prahlt auch "Musa" selbst (Stand: 23.01.2021). Laut BKA Theater war das Tag mit "Ikarus / Musa / Laura" signiert. Und "Ikarus" ist in Berlin nun ein ganz prominenter Name, der es sogar schon in eine kurze Arte-Doku geschafft hat.

Wer nach Spuren forscht, muss also nicht lange suchen. Mindestens genauso spannend ist aber die Reaktion auf den Facebook-Post des Theaters. Erst plätschern die Kommentare dort eine Weile mitfühlend vor sich hin. "Ich bin traurig und wütend zugleich", heißt es. "Oh nein, wie ätzend!" Hilfestellung wird angeboten, eine Spendenkampagne angeregt. Plötzlich jedoch betreten aggressive Trolle die Szene und die Stimmung kippt. Nun ist von einer "Hetzjagd" die Rede, von "Denunzianten", im prolligen Szene-Jargon werden Mit-Poster angepöbelt oder schlicht aufgefordert, still zu sein. Wer die eigene Meinung nicht teilt, gehört flugs zu den "alten Leuten mit autoritärem Charakter, die keine Ahnung von Kunst und Kultur haben". Ganz bemerkenswert: Weil es sich den erlittenen Schaden nicht wortlos gefallen lässt, wird das offensichtliche Opfer BKA von den Meinungsführern prompt zum Täter umdeklariert.

Kreuzberg halt, denkt man. Social Media halt. Aber die Geschichte wirft grundsätzlichere Fragen auf. Ist das Kunst oder kann das weg? Wem gehört die Stadt? Graffiti-Künstler gehen oft mit einem politischen Anspruch hausieren. Ihre Pieces würden Menschen eine Stimme geben, die sonst keine haben, hört man. "Fuck the System, Dicker, ganz klar, Mann!", sagen "Ikarus" und "Paradox" (ehemals Berlin Kidz) - die hier stellvertretend für die Szene stehen können - dazu in einem taz-Video. Nun ist das BKA Theater allerdings nicht Bill Gates, nicht einmal die Deutsche Bank, sondern eher selbst Teil einer systemkritischen Subkultur, die zudem stark unter Corona leidet - müsste also doch eigentlich eher ein Verbündeter und kein Gegner sein?

Haben sich die Sprayer im Ziel geirrt? Oder ist die Polit-Schiene, mit der sie gerne werben, nur ein Fake, eine löcherige Tarnung für Adrenalin-Kick und Ego-Push? Vielleicht hätte die NHS-Truppe ja Lust, sich demnächst mal beim Theater zu melden: "Sorry, Jungs, war echt ein Fehler, keine Sorge, wir machen das wieder weg!" Nichts gegen Industrieklettern und Trainsurfen, aber dazu würde vermutlich mehr Schneid gehören.

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