Mein Fahrrad wurde geklaut!

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Wie es sich anfühlt, einen guten Freund zu verlieren

In Berlin werden nur 4,6 Prozent der Fahrraddiebstähle aufgeklärt. Grafik: ks

Freitagnachmittag, am großen Edeka-Markt in der Bergmannstraße. Dort kann man locker eine halbe Stunde verbringen, aber diesmal ging es schnell. Keine Schlange an der Kasse, eine ältere Dame ließ mich mit meinen paar Sachen sogar vor. Fünf Minuten vielleicht. Und dann war draußen auf der Straßenseite gegenüber plötzlich das Fahrrad nicht mehr da. Man glaubt es zunächst ja nicht, denkt, man habe das Rad vielleicht wo anders abgestellt und nur den Ort vergessen.

Eine halbe Stunde irrte ich wie in Trance in der Sonne herum. Dann gab es keinerlei Zweifel mehr: Mein Fahrrad war gestohlen worden! Ein schickes schwarzes Trekkingrad, fast neu, erst vor zwei Monaten gekauft, ich war keine 200 Kilometer damit gefahren. Ordentlich an einen Bügel angeschlossen mit einem neuen Schloss, das allein knapp 100 Euro gekostet hatte. Das war auch weg.

Es fühlte sich an wie ein Schlag in die Magengrube. Gewiss, es war nur ein Ding. Aber ein befreundetes Ding, das fast zu einer Art Kamerad geworden war. Es hatte mich zum Britzer Garten in Neukölln befördert, zum Südgelände in Schöneberg, zusammen waren wir im Volkspark Rehberge gewesen, hatten gemeinsam den Tiergarten entdeckt. Ein fliegender Teppich. Zack, aufs Fahrrad gesprungen und schon flog es mit mir unter blauem Himmel und grünen Bäumen in alle Welt. Sogar Berlin hatte ein neues Gesicht bekommen. Kurze Wege, die Stadt schrumpfte zusammen und gleichzeitig wurde sie bunter, vielfältiger, weil alles viel leichter erreichbar war.

Manchmal stellte ich mir mein Rad auch wie ein Pferd vor. Aufsteigen und Im-Sattel-Bleiben wollten nach langjähriger Abstinenz gelernt sein und wie man die Mähre in den alten Western vor dem Objekt der Begierde, dem Saloon, an einer Stange anbindet, so das Fahrrad eben am Fahrradbügel. Übrigens wurden Pferdediebe damals immer ohne Verhandlung gehängt. "Es ist wohl eher ein Esel", meinte Freund Otmane, als ich ihm davon erzählte, und lachte. Tatsächlich war unser Verhältnis nicht ohne Probleme. Wie ist das gleich noch mal auf mehrspurigen Straßen mit dem Linksabbiegen? Das guckte ich im Internet nach. Das Rad hatte ebenfalls seine Macken. In der kurzen Zeit war es gleich dreimal platt. Erst das Hinterrad, dann das Vorderrad, dann wieder das Hinterrad.

Deshalb ging ich zu Mohamed in seiner kleinen Werkstatt. "Schönes Rad", lobte er anerkennend. Wahrscheinlich würde ich zu offensiv über zu hohe Randsteine brettern, vermutete er. Aber beim dritten Platten, einem winzigen Loch an der Schlauch-Innenseite, wusste auch er keinen Rat. Als ihm beim Aufpumpen dann noch der Schlauch explodierte, wollte er mit dem Fahrrad nichts mehr zu tun haben. "Billiger China-Schrott", schimpfte er. "Nimm es weg, nimm es weg!" Später hatte ich noch den Verdacht, dass das Rad auf rätselhafte Weise für Risse in meinen Jeans sorgte, genau an der Naht zwischen den Beinen. Aber das lässt sich nicht mehr überprüfen - es ist ja nun weg.

Wie in einer Beziehung: Der andere ist nicht ganz so wie erträumt, aber man gewöhnt sich aneinander und wächst in der Not. Was haben wir nicht alles zusammen erlebt! Diese gemeinsame Geschichte ging jetzt zu Ende und darüber bin ich traurig und voller Wut. Was ist das für eine Welt, wo man knöcheltief durch den Müll waten muss, wo sich Junkies auf dem Mittelstreifen das Gift in die Venen spritzen, wo Fahrräder schneller geklaut werden, als man sie überhaupt kaufen kann - und es interessiert niemanden. Es interessiert wirklich niemanden! In Berlin liegt die Aufklärungsquote bei Fahrraddiebstählen aktuell bei 4,6 Prozent. Mehr muss man dazu gar nicht sagen.

Mohamed meinte damals, mein Fahrrad sei verflucht. Das ist natürlich Quatsch, das Fahrrad kann nichts dafür. Aber ich verfluche jetzt und hier den dreckigen Dieb, der es sich unter den Nagel gerissen hat. Alles Unglück dieser Erde komme über ihn, über seine Kinder und Kindeskinder, wenn er denn welche hat. Nimmermehr werde er seines Lebens froh und wenn er einst von Alkohol und Drogen zerfressen unter einer versifften Brücke im Unrat verreckt, soll er es einsam und verzweifelt tun und ohne Trost. Nichts für ungut, aber hassen können muss man auch.

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