Mit 27 gelben Rosen

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Im Bermuda-Dreieck fand Annette Maria Möllers (1958-2022) ihre große Liebe

Annette Maria Möllers in jungen Jahren. Foto: privat

Sie lag regungslos auf dem Bett im Hospiz mit ihrem Lieblingskuscheltier Ulrich im Arm als letztem Begleiter. Sie wirkte, als könne sie jeden Moment wieder aufwachen und uns von ihrem letzten Ausflug barfuß auf einem Tulpenfeld erzählen, weit weg vom Alltag, der zuletzt für sie so maßlos erschöpfend geworden war. "Sie ist noch da, man hat das Gefühl, dass sie noch atmet", sagte ich zu Taki. "Das könnte Annettes letzter Streich sein -  Aufwachen und Weiterreden", antwortete er mit Tränen in den Augen und hielt ihre Hand. Dabei war es so, dass sie längst nicht mehr konnte. Gerade bis zum Jubiläumstag, dem Tag, an dem sie genau 27 Jahre mit Taki zusammen war, hatte sie noch durchgehalten.

Nach langem, schwerem Kampf hat Annette Maria Möllers am 17. März 2022 in den Morgenstunden ihre Augen nicht mehr geöffnet.

Die Geschichte von Annette und Taki begann im Bermuda-Dreieck, der Kult-Kneipe in der Gneisenaustraße, als sie eines abends zufällig dort mit Freunden einkehrte. Schon damals lag Liebe in der Luft, aber beide verloren sich wieder aus den Augen, um dann nach Jahren bei einer erneuten Zufallsbegegnung am gleichen Ort zueinanderzufinden. Seit diesem Tag vor 27 Jahren waren sie unzertrennlich. Die ganz große Liebe. Später erzählte sie ihm, wie glücklich sie war, als er an diesem Abend auf dem Weg zum Bus ihre Hand genommen hat.

Diese Hand, die er auch am Tag ihres Todes nicht mehr loslassen wollte. Mit 27 gelben Rosen war Taki gekommen, um mit ihr diesen Tag zu feiern. An ihrem Jahrestag schenkte er ihr immer gelben Rosen, so wie damals sein Vater seiner Mutter gelben Rosen zum Hochzeitstag geschenkt hatte. Sie mochte diese Art von Aufmerksamkeit.

Annette war gutherzig, hilfsbereit und hatte ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden. Wenn Menschen ihr Mitgefühl verdienten, konnte sie Brücken der Empathie bauen. Aber wenn sie glaubte, jemand habe ihr Unrecht getan, schlug die Empathie mitunter in eine mitleidlose Antipathie um. Es war als wäre sie von einer guten, aber manchmal auch von einer unbarmherzigen Fee verzaubert.

Wegen ihrer Genügsamkeit erweckte sie äußerlich den Eindruck, durchs Leben gestolpert zu sein. Aber sie war intelligent, belesen und politisch interessiert. Sie hörte lieber Radio und las Zeitung und als Leseratte vergrub sich oft in ihrer Wohnung mit Regalen voll mit tausenden Büchern. Eines ihrer Lieblingsbücher war "Die Radiotrinkerin" von Max Goldt. Annette besaß keinen Fernseher, sie fand das überflüssig - zum Fernsehen ging sie zu Taki.

Sie war auch sehr naturverbunden und spazierte gerne durch den Kiez, um ihrer Naturverbundenheit nachzugehen. Sie liebte die Blumen. Ganz besonders eine gelbe Rose auf dem Marheinekeplatz, die Jahr um Jahr blühte, hatte sie in ihr Herz geschlossen. Eines Tages hatte jemand diese Rose einfach abgebrochen. "Warum machen Menschen so etwas?", fragte sie Taki. "Warum zerstören wir die Schönheit um uns herum?"

Annette kam als jüngste von vier Töchtern auf die Welt. Als Nesthäkchen wuchs sie glücklich und behutsam in Rheine (Westfalen) auf. Der Vater war Technischer Oberamtsrat und die Mutter Hausfrau, so wie es damals üblich war. Annette war ein quicklebendiges, fröhliches, unternehmungslustiges und geliebtes Kind. Und obendrein auch sportlich: Mit 15 Jahren wurde sie in Rheine Tennismeisterin in ihrer Altersklasse.

Intelligent und so überdurchschnittlich begabt, schaffte sie schon mit 17 Jahren ihr Abitur. Nach Berlin kam sie, um Germanistik und Theaterwissenschaft zu studieren. Dem Theater hatte sie sich schon zu Schulzeiten gewidmet. So durfte sie in einer Aufführung des "Faust" das Gretchen spielen. Eine Paraderolle für sie, in der sie glänzte.

Annette liebte die Natur. Außer Rosen mochte sie vor allem Tulpen. Foto: mog61 e.V.

Das Studium brach sie aber ab, um eine dreijährige Lehre als Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte anzufangen. Auch dort war sie, so schien es in ihrem Element. Sie arbeitete für verschiedene Kanzleien. Sogar bei den großen. Machte viele Überstunden, vergrub sich oft ihn ihre Arbeit, nahm diese sogar ernster als manche Anwälte selbst. Sie arbeitete peinlich genau und wurde dafür sehr geschätzt. Sie begleitete viele Prozesse, bei denen es oftmals um viel Geld ging, und half mit, sie zu gewinnen.

Nach der Wende arbeite sie für eine große Kanzlei, die das Interesse von Hausbesitzer*innen vertrat. Das gefiel Annette aber überhaupt nicht, lieber stand sie auf der Gegenseite, bei den Mieterinnen und Mietern, denen sie mit Ratschlägen half. So kam es zum Bruch mit ihrem Arbeitgeber und sie musste gehen. Es wäre sowieso nicht mehr ihr Beruf gewesen. Viel lieber wäre sie um die Welt gereist. Aber dazu kam sie nicht mehr. Gefangen in einer Mühle aus Minijobs und behördlichen Auflagen versuchte sie, mit bescheidenen Mitteln von ihren Ersparnissen zu leben. Ihre letzte Tätigkeit war in der Heilig Kreuz-Kirche am Blücherplatz. Dort hatte sie sich engagiert, so lange es noch ging, schrieb viel und versuchte Hilfestellung in allen Rechtsfragen zu geben.

Sie sagte immer, dass sie nicht viel zum Leben brauche. Nur Tabak. Und ein bisschen Alkohol vielleicht. Rauchen und Trinken waren ihre Leidenschaft. Getrunken hatte sie schon damals immer nach Feierabend, um den Stress abzubauen. Leider wurde ihr die Leidenschaft zum Verhängnis. Ein Verhängnis, von dem sie nicht mehr loslassen konnte und das mitunter den Geist einer bösen Fee heraufbeschwor. In ihrem Herzen aber blieb sie immer die gute Fee und so wollen wir sie in Erinnerung behalten.

Den Verein mog61 Miteinander ohne Grenzen e.V. und seine Aktivitäten hat Annette immer aufmerksam und mit großem Interesse begleitet. Begraben wird sie auf dem Friedrichswerderschen Friedhof in der Bergmannstraße 42-44, wo der Verein die Nutzungsberechtigung für eine Anlage hat. Leb wohl, Annette!

Marie Hoepfner, Vorsitzende des Vereins mog61 e.V.

Update: Die Urnenbeisetzung von Annette findet am Mittwoch, 4. Mai, um 9:30 Uhr auf dem Friedrichwerderschen Friedhof in der Bergmannstraße 42-44 statt. Treffpunkt ist 9:00 Uhr vor der Kapelle.

 

2 Antworten

  1. karla kauf

    Ooooch nö … ich kannte Annette schon länger … aus dem Bermuda … und in ganz Kreuzberg … wir waren immer good buddies … dann folgten Lokalverbote, aber wenn ich da war, konnte ich sie immer gut reinnehmen … egal wer grade da war, sie konnte auch ihre Faxen vergessen und sehr sanft werden. – Ich weiß nicht gegen wen oder für wen hier getextet werden soll: An-Nette war ein Eigen-Tier und hast du nicht gesehen … wurde sie zum wilden Stier! 😉

  2. Hans Joachim Pioch

    Du hast Anette gut gekannt. Dein Nachruf hat mir gefallen. Auch ich und viele Freunde, sind sehr traurig über Anettes Tod. Wir hatten uns oft gesehen und doch nicht oft genug. Das beieinander Sein mit Anette war nie langweilig. Es gab viel friedlichen Streit aber insgesamt sehr viele Übereinstimmungen. Auch unser Freund Taki tut uns sehr leid. Wir, Corinna und ich, sind bei der Beerdigung dabei. Der Abschied von Ihr ist sehr schmerzhaft. Ich hätte gerne noch viele Tage mit Ihr und Taki verbracht. Mit Anette ist die wichtigste Freundin von uns entschwunden, sie lebt in unseren Erinnerungen weiter, solange wir denken können.
    Alles Liebe Corinna und Achim.

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