Solidarisch mit der Ukraine

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Rund 300 Menschen demonstrieren am Brandenburger Tor

In vielen europäischen Städten wurde heute gegen einen russischen Angriff auf die Ukraine protestiert - auch in Berlin. Foto: ks

Die ernsten, besorgten Gesichter bleiben im Gedächtnis. Die Farben der ukrainischen Flagge: Blau für den Sommerhimmel, Gelb für das reife Korn, den Mais, die endlosen Felder mit Sonnenblumen. Auch für die lodernden Feuer in der Nacht, wenn im Herbst die Felder brennen, für das Wetterleuchten am Horizont. Und dann werden Erinnerungen wach. An die riesigen Eichen am Straßenrand, die so hoch sind wie hierzulande die Kirchtürme, die furchtbaren Schlaglöcher auf den Straßen, die aufgebrezelten jungen Frauen, die mit dem Smartphone in der Hand durch den Morast stöckeln, während sich im Straßengraben daneben Hühner und Ziegen tummeln. Was für ein schönes, wildes, hartes Land!

Am Brandenburger Tor kamen heute an die 300 Menschen zusammen, um ihre Solidarität mit der bedrohten Ukraine zu zeigen. Es war ein klares Statement gegen die von den aufmarschierten russischen Armeen ausgehende Kriegsgefahr und ein Bekenntnis zu dem von der Ukraine eingeschlagenen Weg nach Europa, zu einer offenen, freien, transparenten Gesellschaft. Mindestens drei Friedrichshain-Kreuzberger:innen waren übrigens dabei, wie mogblog bezeugen kann. Ab und zu schaute an diesem Nachmittag die Sonne heraus, aber meistens drückten doch dunkle Wolken. Währenddessen tagte in München die Sicherheitskonferenz und in der Ukraine selbst drehte sich die vom russischen Präsidenten Wladimir Putin inszenierte Eskalationsspirale in beängstigender Weise immer schneller. Viele erwarten für die nächsten Tage eine russische Invasion.

Gedrückte Stimmung, ja, aber auch sehr viel Stolz. Große Namen mit viel erlebter Geschichte. Rebecca Harms war da von den Grünen, die 1977 die legendäre Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg mitgegründet hatte, als die Bundesrepublik ihren Atommüll in einem abgelegenen Winkel an der DDR-Grenze verbuddeln wollte. "Hinter der Bedrohung der Ukraine steht die Bedrohung der Freiheit", mahnte sie. Olga Shparaga sprach für den Koordinationsrat der weißrussischen Frauen, der maßgeblichen Opposition gegen Diktator Alexander Lukaschenko: "Wir sind Teil Europas und wir brauchen die Demokratie!" Werner Schulz, weißhaarig, ein Symbol für die friedliche Revolution in der DDR von 1989. Als Bürgerrechtler sei er oft hinter dem Banner "Schwerter zu Pflugscharen" marschiert, bekannte er. "Aber ich bin froh, dass wir noch ein paar Schwerter übrig haben!"

Schulz verwies auf das Budapester Memorandum von 1994, in dem Russland sich verpflichtet hatte, die Souveränität und die bestehenden Grenzen der Ukraine zu achten. Im Gegenzug verzichtete diese - damals mit dem drittgrößten atomaren Arsenal der Welt - auf alle Nuklearwaffen. Großer Fehler, wie sich inzwischen herausgestellt hat. Zur Weigerung der Bundesrepublik, die Ukraine mit Waffen zu unterstützen, zitierte Schulz Artikel 51 aus der UN-Charta, wonach jedem Land, das angegriffen wird, sehr wohl das Recht auf Selbstverteidigung zusteht. Und mit Blick auf die deutsche Geschichte erinnerte er, sichtlich angegriffen, an den Aufstand im Warschauer Ghetto von 1943, als die jüdischen Bewohner händeringend um Waffen baten und von niemandem welche bekamen, weshalb ihnen nichts anderes übrig blieb, als "würdevoll in den Tod zu gehen".

Auch wenn es viele immer noch nicht wahrhaben wollen: In Europa steht möglicherweise ein großer Krieg bevor mit völlig unübersehbaren Folgen, der größte seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Diese Stimmung lag über den Gesichtern und über den Fahnen und machte die Bewegungen schwer. Sie sangen die ukrainische Nationalhymne, sie versprachen, bei der nächsten Versammlung unbedingt wiederzukommen, und am Ende riefen sie alle aus vollem Herzen, voller Hoffnung und voller Verzweiflung: "Слава Україні! Слава Україні! Слава Україні!"

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