Täglich fünf Stunden üben

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Aaron Schilling will zu den Berliner Philharmonikern

Aaron Schilling. Foto: ks

Es gibt verschiedene Wege, Menschen kennenzulernen. Man kann zum Beispiel am Wochenende abends am »Zweiten Büro« vorüberschlendern, an der Ecke Fürbringer- / Zossener Straße. Natürlich hat der Laden geschlossen, aber wer Glück hat und die Ohren spitzt, hört vielleicht eine Klarinette.

Das ist doch keine CD, da spielt jemand live! Also klopft man neugierig an die Tür, ein freundlicher junger Mann macht auf und sagt: »Ich bin Aaron. Ja, ich übe hier manchmal Klarinette. Wegen Corona, verstehst du?« So ist das in diesem Fall mit dem Kennenlernen gelaufen.

Aaron Schilling ist 25 Jahre alt, studiert an der Universität der Künste und will Berufsmusiker werden. Musik machen kann er schon. »Ich kann mich auf die Bühne stellen und Leute berühren«, sagt er. Aber um eine Festanstellung bei den Berliner Philharmonikern oder bei der Staatskapelle zu bekommen, muss man nicht nur gut sein, sondern besser als die meisten anderen. "Das ist unglaublich schwer zu meistern."

Klarinette spielen ist nicht so ein harmloser Job wie Event-Management, Computer-Linguistik oder »irgendwas mit Medien«. Eine Klarinette nimmt auch niemand mit der gleichen Lässigkeit in die Hand wie eine Gitarre, die er sofort wieder weglegen kann, sobald er keine Lust mehr verspürt. Klarinette ist eine Berufung. Aaron übt seit mehr als einem Jahrzehnt jeden Tag mindestens fünf Stunden lang. Auch am Wochenende. Nur einmal im Jahr gönnt er sich drei Wochen Urlaub.

Was macht das mit einem? »Ich kann nicht sagen, ob ich etwas vermisse. Ich bin bisher recht wenig rumgekommen und kann auch nicht spontan mal nach Marseille fahren. Da guck ich schon mit Neid drauf.« Aber eigentlich wirkt Aaron wie jemand, der sehr genau weiß, was er will. Und der ziemlich glücklich damit ist.

Die Klarinette ist ein recht junges Instrument und wurde erst 1701 in Nürnberg erfunden. Also kein Bach, ein bisschen Händel, Mannheimer Schule, ab Beethoven ist sie Standard. Es gibt schöne Kammermusik von Mozart und Brahms, aber Aaron liebt das große Orchester: »Sinfonien von Gustav Mahler an der Klarinette, das macht echt Spaß. Da ist alles dabei. Das ist richtig schwer, mit kammermusikalischer Besetzung. Das Klangfarbenspektrum ist einfach geil!«

Nebenbei macht Aaron auch Jazz, mal hatte er eine Combo und tourte mit Tango und Klezmer durch Norddeutschland. Und so »superexperimentelles Zeug«, wo es statt Tönen nur Geräusche zu hören gibt: »Jazzer sind ja auch schon Spießer inzwischen.« Privat hört er Gerry Mulligan, ist absoluter Miles-Davis-Fan, liebt Ella Fitzgerald, die älteren Live-Aufnahmen, und Bill Evans. Bei der Klassik alte Sachen von Gesualdo, Orlando di Lasso, Bach halt, Schubert. »Es gibt eigentlich keinen Moment des Tages ohne Musik für mich.«

Wenn man professionell Musik macht, ist es nicht furchtbar schwierig, ein Stück zu spielen, dass zuvor schon zigmal von allen möglichen Koryphäen aufgenommen wurde? »Ich fange meistens damit an, die Noten anzuschauen, ohne vorher eine Aufnahme zu hören«, berichtet er. »Natürlich orientiere ich mich auch an Vorbildern, aber dabei entsteht etwas Neues. Ab einem bestimmten Punkt stellt sich die Frage: Was will ich kommunizieren? Ein Gefühl? Einen Spannungsverlauf? Eine Stimmung? Was für einen Klang braucht diese Stimmung? Welche Melodie braucht zum Beispiel Trauer? Trauer braucht einen dunklen, gedeckten Klang, absteigende Linien, Seufzermotive. Das übt man am allermeisten, diese Klangfarbe zu erzeugen und dabei Fehler, irgendwelche Quietscher, zu eliminieren. Das kannst du nur über dein Gefühl machen und da bist du dann sofort raus aus dem Problem, was andere gemacht haben.«

Wir plaudern noch ein wenig über lästige Dirigenten, die das Orchester perfekt durchorganisieren müssen, und angenehmere, die warten, was der Instrumentalist von sich aus anbietet. Dass der erste Klarinettist ziemlich viel Freiheiten hat und die meisten Dirigenten in einem Konzert so gestresst sind, dass sie gar nicht merken, wenn einer mal sein eigenes Ding durchzieht. Aaron verrät, dass er aus Leipzig stammt, Jürgen Kupke sein erster Lehrer war und das mit der Musik wohl auch mit seinem Vater zusammenhängt, der Geiger bei der Komischen Oper ist.

Natürlich hat er auch einen Plan B, falls es mit den Berliner Philharmonikern doch nichts werden sollte: »Dann studiere ich an der TU Berlin Energie- und Prozesstechnik, Richtung Ingenieurwissenschaft und regenerative Energien. Energiespeicherung finde ich ein ungeheuer spannendes Thema. Das ist das zentrale Problem.«

Hörprobe: Carl Maria von Weber: Concertino op. 26; WDR-Funkhausorchester, Solist: Aaron Schilling

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