Erinnerung an Peter Lorenz

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Die Schenkendorfstraße 7 diente 1975 als "Volksgefängnis"

Die neue Gedenktafel in der Schenkendorfstraße 7. Foto: ks

Es ist ein eher unscheinbares Haus in einer kurzen Straße. Aber zumindest für Neu-Kreuzberger birgt die Schenkendorfstraße 7 mitten im Bergmannkiez eine Überraschung: Hier hielten Mitglieder der Terrorgruppe "Bewegung 2. Juni" 1975 mehrere Tage lang den damaligen CDU-Landesvorsitzenden Peter Lorenz gefangen. Nachdem fünf freigepresste Gesinnungsgenossen in Begleitung des früheren Regierenden Bürgermeisters Heinrich Albertz (SPD) in den Südjemen ausgeflogen worden waren, kam Lorenz am 4. März 1975 wieder frei.

Es war die erste politisch begründete Entführung eines Politikers in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland - aber auch das letzte Mal, dass eine solche Erpressung funktionierte. Die Geiselhaft von Peter Lorenz diente zweieinhalb Jahre später, im berüchtigten "Deutschen Herbst", als Blaupause für die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Damals blieb Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) jedoch hart und Schleyer wurde ermordet. Im Fall Lorenz ging vor allem ein unscharfes Polaroid-Foto in die Erinnerung ein, das den gedemütigten Politiker in eine Decke gewickelt auf dem Bett als Gefangenen zeigt.

Die Entführer hatten damals den Trödelladen im Erdgeschoß angemietet, von dem aus eine Luke in das fensterlose "Volksgefängnis" im Keller führte. Direkt gegenüber befand sich ironischerweise die Kreis-Geschäftsstelle der CDU. Ronald Fritzsch, Gerald Klöpper, Till Meyer, Ralf Reinders und Andreas Vogel wurden später zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, kamen aber alle spätestens Anfang der 90er Jahre wieder frei. Heute residiert in dem Haus die Ambulante Wohnhilfe der Diakonie. Eine nette Frau berichtet mit schwäbischem Akzent, einmal habe sogar einer der damaligen Geiselnehmer vorbeigeschaut. Ja und natürlich immer wieder die Presse.

Auf Initiative von Timur Husein (CDU) wurde am Eingang jetzt eine umfängliche Gedenktafel mit deutschem und englischem Text angebracht. Kulturstadträtin Clara Herrmann (Grüne) erinnerte an die historische Bedeutung des Ortes, Husein selbst sagte bei der Einweihung im September fast beschwörend: "Wir haben unterschiedliche politische Auffassungen, aber Gewalt und Entführung dürfen niemals ein Mittel der politischen Auseinandersetzung sein." Ein paar Meter weiter parkte vorsichtshalber ein Streifenwagen. Ein kalter, verregneter Herbstnachmittag. An einer Hauswand: "Refugees welcome, tourists fuck off". Um die Ecke der übliche Bergmannstraßen-Einkaufstrubel.

Info: Sehr informativ und unterhaltsam Gerd Nowakowski im "Tagesspiegel": Die Machtprobe des 2. Juni

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