Zehn Jahre mog61 e.V.

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Marie Hoepfner erinnert sich an die Höhepunkte

Vereinsvorsitzende Marie Hoepfner vor zehn Jahren mog61. Foto: ks

Der gemeinnützige Verein mog61 Miteinander ohne Grenzen e.V. feierte diesen April sein zehnjähriges Jubiläum. Wegen der Covid-10-Pandemie gab es keine große Party, aber am 4. September - dem Tag, an dem in Nicht-Corona-Zeiten Straßenfest in der Mittenwalder gewesen wäre - wurde im Garten des Nachbarschaftshauses in der Urbanstraße 21 die Geburtstagsfeier nachgeholt. Mit leckeren Würstchen vom Grill, drei Schüsseln Kartoffelsalat und einem wunderbaren Auftritt der Band "Fanfare Gertrude". Sogar Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) war da und würdigte die langjährige Arbeit des Vereins mit herzlichen Worten.

Über die zurückliegenden und die hoffentlich noch kommenden weiteren zehn Jahre hat mogblog mit der Vorsitzenden Marie Hoepfner gesprochen.

Wie ist mog61 damals entstanden?

Der Verein wurde im Jahr 2011 aus einer Kiezinitiative heraus gegründet. Die Idee war von Anfang an, den Kiez zu verschönern. Das entstand in der Cantina Orange in der Mittenwalder Straße. Irgendwann saß ich da draußen und sagte zu Carmen, der Wirtin: Weißt du, was hier fehlt, ist ein Straßenfest! Das würde die Straße beleben, der Kiez würde davon profitieren und ihr auch! Da hat sie gesagt, sie hätte es zusammen mit Andreas, einem damaligen Stammgast, schon probiert, aber es habe nie geklappt. Da habe ich gedacht: Wir gründen einen Verein! Am Abend waren viele Leute da, die haben das ernst genommen und plötzlich waren wir genug Gründungsmitglieder und haben das gemacht und auch gleich die Gemeinnützigkeit beantragt.

Was ist so besonders an mog61?

Wir haben von Anfang an gesagt: Niemand bekommt Geld, niemand wird hauptberuflich angestellt. Der Vorstand und die Mitglieder sind alle ehrenamtlich für den Verein tätig und verfolgen keine eigennützigen Interessen. Natürlich kriegen Künstler:innen und Techniker:innen Gage, wenn sie bei einer Veranstaltung von uns auftreten, aber die Helferinnen und Helfer nicht. Wenn wir können, laden wir sie aber gerne zu einem Dankeschön-Essen danach ein oder etwas ähnlichem. Da wir keine institutionelle Förderung bekommen, sind wir auf private Zuwendungen und auf die Unterstützung von Kooperationspartnern angewiesen, Aktion Mensch zum Beispiel oder das Nachbarschaftshaus in der Urbanstraße. Früher war es auch das House of Life.

Was macht mog61 eigentlich?

Unser Hauptanliegen war zunächst das Straßenfest. Wir wollten den Leuten im Kiez eine Plattform bieten, um sich zu treffen und auszutauschen. Das ist einmal im Jahr, nicht kommerziell, niedrigschwellig, das war uns wichtig. Es gab ja schon das Bergmannstraßenfest, den Karneval der Kulturen. Das sind alles kommerzielle Feste, die Standgebühren sind hoch und das führt verständlicherweise auch zu recht hohen Preisen. Das wollten wir nicht, wir wollten ein Fest haben, das wirklich für alle ist. Deshalb dürfen Essen und Getränke nur zum Selbstkostenpreis oder mit geringem Gewinn angeboten werden. Auch die Standpreise sind absichtlich niedrig gehalten.

Du hast das House of Life schon erwähnt. Das war ein Pflegeheim für jüngere Menschen in der Blücherstraße, das im Juni 2019 leider geschlossen wurde.

Das House of Life hat auch etwas damit zu tun, dass das Thema Inklusion ein Schwerpunkt geworden ist. Deshalb haben wir uns 2016 von "mog61 Mittenwalder ohne Grenzen e.V." umbenannt in "mog61 Miteinander ohne Grenzen e.V.". Inklusion bedeutet Teilhabe für alle und ist viel mehr als nur Barrierefreiheit. Wir arbeiten eng mit dem Evangelischen Blindendienst zusammen und sind jedes Jahr rund um den 5. Mai, dem Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung, besonders aktiv. Dazu veranstalten wir immer ein inklusives Jazz-Konzert mit wirklich prominenten Künstlern aus der Free-Jazz-Szene, um das Thema Inklusion auch Leuten nahezubringen, die sich sonst nicht damit befassen. Im House of Life gab außerdem jedes Jahr im Garten ein "Fest der Inklusion" mit Live-Musik und leckerem Essen, wo sich Bewohner:innen und Menschen von "draußen" begegneten.

Straßenfest, der 5. Mai - aber mog61 macht doch noch viel mehr!

Ja, stimmt schon. Die "Fête de la Musique", das größte Musikfest der Welt am längsten Tag des Jahres, ist ein fester Termin. Wir haben die größte Bühne im Kiez, lassen die Fürbringerstraße sperren und bei freiem Eintritt und ohne Gage gibt es Musik aller Stilrichtungen. Da sind echte Geheimtipps dabei! Wir nehmen an Aktionen teil wie der "Woche des Bürgerschaftlichen Engagements", am Fest der Nachbarn, dem bundesweiten Vorlesetag und seit zwei Jahren auch an der Kiezwoche Kreuzberg. Und wir interessieren uns für Politik! Zur Wahl im September haben wir Wahlprüfsteine entworfen und die Antworten von Grünen, Linke, SPD, CDU und FDP auf unserer Webseite veröffentlicht. Schon in den Jahren zuvor hatten wir zu Bundestags- und Europawahlen kleine Broschüren in leichter oder einfacher Sprache mit hübschen Bildchen herausgebracht, um Demokratie auch für Menschen mit kognitiven Einschränkungen transparent zu machen. Überhaupt ist die Leichte Sprache ein ernsthaftes Anliegen des Vereins geworden.

Wenn du zurückdenkst, was hat dir in den zehn Jahren besonders viel Spaß gemacht?

Unser Vorzeigeprojekt war die Aktion „Künstlerische Aktion Kreuzberger Kids“. So nannten wir 2012 die künstlerische Gestaltung der Post-, Telekom- und Vattenfall-Kästen im Kiez durch Kinder, Jugendliche, Bewohner:innen, Streetart-Künstler:innen und anliegende Schulen, quer durch alle Generationen. Das war so toll! Wir sind mit den Künstler:innen in die Schulen gegangen, das war wirklich sehr pädagogisch. Die Bemalung der Kästen sollte das Stadtbild allgemein verschönern und verhindern, dass die Kästen beschmiert oder durch Plakate verunstaltet werden. Ziel war auch, Interesse an einer Verschönerung des Wohnumfeldes und am freiwilligen gemeinsamen Engagement zu wecken. Das sah sehr hübsch aus und dafür haben wir sehr viel Aufmerksamkeit bekommen und in der Folge auch viele Anfragen zwecks Nachahmung. Bis heute melden sich noch Leute mit Fragen dazu.

Wie geht mog61 mit Corona um?

Finanziell ist es schwierig, weil regelmäßige öffentliche Veranstaltungen und damit auch Einnahmen durch Spenden ausfallen. Aber menschlich ist es total super. Wir haben ein sehr umfangreiches Projekt entwickelt mit dem Titel "Miteinander, füreinander, gemeinsam gegen Corona!" Während des Lockdowns hat mog61 eine virtuelle Plattform eingerichtet und dann erst einmal Mund-Nasen-Masken aus Baumwollstoff genäht und kostenlos verteilt. Dann haben wir obdachlose und bedürftige Menschen mit Corona Care Paketen versorgt, das ist eine Tasche mit dem Allernötigsten, vor allem im Winter. Wir hatten sie schon immer im Blick, aber ohne Corona wären wir da bestimmt nicht so tief eingestiegen. Dadurch lernten wir viele Menschen ohne Wohnung persönlich kennen und Kooperationspartner, mit denen wir jetzt zusammenarbeiten. Als es letzten Winter richtig kalt wurde, hat mog61 zwei Monate lang heiße Suppe gekocht, das wollen wir diesen Winter unbedingt wieder machen.

mog61 hat inzwischen viele Preise gewonnen!

Ja, wir haben die Bezirksmedaille von Friedrichshain-Kreuzberg gewonnen und Bürgermeisterin Monika Herrmann hat sogar die Laudation für uns gehalten. Das war eine Ehre! Unser Straßenfest wurde seit 2013 schon fünfmal Sieger im bundesweiten Wettbewerb "Die schönsten Nachbarschafts-Aktionen". Wir betreiben auch ein wenig Urban Gardening rund um den U-Bahnhof Gneisenaustraße mit Stockrosen und anderen Blumen für Wildbienen und Schmetterlinge. Dafür bekamen wird jetzt zweimal einen Preis des Netzwerks Nachbarschaft im Rahmen des Wettbewerbs "Jede Wiese zählt". Die Urkunde ziert ein hübscher Frosch von Janosch, der ist echt niedlich.

Macht mog61 die Welt besser?

Das weiß ich nicht. Aber mog61 macht die Welt jedenfalls nicht schlechter, das ist schon etwas. Wir haben als sozio-kultureller Verein auch vielen Menschen direkt geholfen, in der direkten Nachbarschaft und anderswo. Solidarität wird bei uns groß geschrieben. Die Corona Care Pakete zum Beispiel, das war sehr viel Arbeit. Aber die Reaktionen haben mich umgehauen. Ich bin unheimlich stolz, dass wir als kleiner Verein so etwas hingekriegt haben. Wir sind mit vielen Menschen in Kontakt, hören zu und führen Gespräche. Ich denke schon, dass Austausch, Vielfalt, gleichberechtigte Teilhabe, dass solche Dinge helfen, die Welt ein bisschen besser zu machen.

Was plant mog61 für die nächsten zehn Jahre?

Zuerst einmal vielen, herzlichen Dank an alle, die es möglich gemacht haben, dass mog61 jetzt auf zehn erfolgreiche Jahre zurückblicken kann! Ob es noch einmal zehn Jahre mit mir als Vorsitzender werden, kann ich nicht sagen. Wir brauchen im Moment vor allem ein Büro mit einem Lagerraum. Wir brauchen noch mehr Manpower, noch mehr Leute von draußen. Sie müssen nicht unbedingt Vereinsmitglied sein, aber wir brauchen Leute, die zuverlässig sind und sich einbringen und dann regelmäßig bei Aktivitäten mit dabei sind.

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