Bergmannkiez bleibt nazifrei

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Kleine Querdenker-Demo stößt auf größere Hindernisse

Querdenker vor dem Willy-Brandt-Haus. Foto: ks

Es war keine gute Idee, ausgerechnet mitten durch das grün-linke Kreuzberg laufen zu wollen. Schon zu Beginn machten laute Punk-Musik und Anti-AFD-Lieder aus dem Tommy-Weisbecker-Gebäude die akustischen Machtverhältnisse klar. Dagegen hatten die Demonstranten nur ein Megaphon und ein paar schlichte Trommeln und Tamburine aufzubieten, eines davon ziemlich zynisch auf einen Rollstuhl montiert. Querdenker-Demo am Samstag um 14 Uhr vor dem Willy-Brandt-Haus. An die 70 Teilnehmer hat der Berichterstatter gezählt. Eher bürgerlich wirkende Frauen und Männer, darunter knapp zehn in weißen Schutzanzügen. Bedrohlich wirkten sie nicht.

Vor dem Abmarsch hatte die Polizei akribisch die mitgebrachten Transparente inspiziert. Vor allem handbemalte Pappschilder auf Holzstöckchen mit sehr harmlosen Parolen. "Lasst unsere Kinder wieder Kinder sein!" oder "Der kürzeste Weg zwischen 2 Menschen ist ein Lächeln" sowie Verweise aufs Grundgesetz. Auch die Masken hatte die Ordnungsmacht überprüft. Einige zückten Ausnahmegenehmigungen und im Lauf der Zeit rutschte auch manche Mund-Nase-Bedeckung immer tiefer. Das war auf der Gegenseite aber nicht viel anders.

Gegenkundgebung mit lokaler Polit-Prominenz. Foto: ks

Vor der SPD-Zentrale hatte sich eine mindestens drei- bis viermal so starke Gegenkundgebung versammelt. Viele Omas gegen Rechts, lokale SPD- und Grünen-Prominenz wie Hannah Sophie Lupper und Julian Schwarze. Sie hielten ihre bunten Plakate "Masken auf! Nazis raus!" tapfer in den kalten April-Wind, es herrschte ruhige, entspannte Stimmung. Das änderte sich allerdings, als an der Mehringbrücke Gegendemonstranten erregt mit ihren Plakatstöcken herumzufuchteln begannen. Die Staatsmacht reagierte routiniert - ließ den Demonstrationszug durch, sperrte die Brücke und schon war Ruhe.

Aber vorne am Mehringdamm gab es Probleme. Geplant war eine Route durch Bergmannstraße, über den Chamissoplatz und die Fidicinstraße zum Platz der Luftbrücke. Sehr illusorisch, wie sich bald herausstellte. Da blockierten plötzlich Radfahrer die Strecke, "zündeten einen Nebeltopf", wie die Polizei später berichtete, wie von Geisterhand geschoben rollten Müllbehälter auf die Straße. Die übliche Kreuzberger Protest-Folklore halt. Vor dem Finanzamt stoppte der Zug dann fast eine Stunde lang. Die Polizei musste Unterstützung anfordern und war am Ende mit rund 340 Kräften präsent.

Demonstranten und Gegendemonstranten an der Kreuzung Mehringdamm / Gneisenaustraße. Foto: ks

Und hier, vor dem Finanzamt, hat der Autor an diesem von Konfrontation und Geschrei geprägten Tag das einzige nennenswerte Gespräch beobachtet, oder besser: den einzigen Gesprächsversuch. Ein Mann mit Tamburin und Transparent "Gemeinsam weniger einsam!" sprach kurz mit einer älteren Frau, Plakat: "Möcki gegen Leerdenker und Rechte!" Es waren nur wenige, nicht überlieferte Sätze. Am Ende griff sich die Frau sehr demonstrativ gegen den Kopf und eilte anderswohin.

An der Kreuzung Mehringdamm / Gneisenaustraße dann großer Auflauf. Familienväter mit Lastenfahrrad, junge Frauen mit Migrationshintergund, sie alle brüllten voller Inbrunst: "Nazis raus!" - "Halt die Fresse!" - "Gegen die Faschisten! Alle zusammen!" Rentner mit "Fehlender Mindestabstand" auf der Brust standen selbst ohne Abstand zusammen, schwarz gekleidete Jugendliche mit Kapuze holten sich ihren Adrenalinschub zum Wochenende und provozierten die Polizei. Alles wie immer also. Und mitten im martialisch wirkenden Polizeikordon hielten sich die Lockdown-Gegner verschüchtert und trotzig an ihrem Getrommel fest.

Gegendemonstranten halten sich vorbildlich an die Abstandsregeln. Foto: ks

Am Platz der Luftbrücke gab es noch einen kurzen Halt und am S-Bahnhof Tempelhof waren die meisten dann ziemlich müde. Im Rückblick haben wohl alle ein bisschen gewonnen. Die Querdenker konnten zwar die ursprünglich geplante Route nicht durchsetzen, waren aber tapfer mitten durch Feindesland bis zur S-Bahn marschiert. Das politisch korrekte Kreuzberg hatte Bergmannstraße und Chamissoplatz mutig gegen die faschistischen Horden verteidigt und die Polizei hatte genau das getan, was ihre Aufgabe ist - nämlich dafür gesorgt, dass eine angemeldete Demo demonstrieren kann.

Bleiben natürlich ein paar Fragen offen. Zum Beispiel die, was eigentlich ein Nazi ist. Schauspieler, die sich unter #allesdichtmachen über den Lockdown lustig machen, sind offenbar keine. Abgeordnete, die gegen das neue Infektionsschutzgesetz klagen wollen, auch nicht. Wer mit einem handgemalten Plakat: "Freiheit ist Leben!" durch Kreuzberg läuft, aber schon. Und was das Thema Schutzmasken angeht: In der Bergmannstraße müssen seit Oktober welche getragen werden. Der Verfasser war am Samstag nach der Demo dort, um Zutaten für die sonntäglichen Spaghetti carbonara einzukaufen. Grober Eindruck: Weniger als ein Drittel trug Mund-Nasen-Masken - und davon die meisten wohl nur deshalb, weil sie gerade aus einem Laden kamen oder in einen gehen wollten. Mehr als zwei Drittel nicht.

  1. Lothar Eberhardt

    Lebendiger Demobeitrag für den, der nicht direkt dabei war und am Chamissoplatz auf die Demo – Grund hier im Artikel beschrieben – wartete.
    Lothar

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