“Wir bleiben im Gespräch!”

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Annäherungen im Streit um Stadtgrün am Mehringdamm

Marcus Münnich (li.) und Felix Weisbrich (r.) mit dem Rücken zur Kamera. In der Mitte unter dem Regenschirm Angela Laich (Stadtnatur in K61) und Lothar Eberhardt (Naturfreunde Berlin). Foto: ks

Es geht um Spatzen, aber eigentlich geht es nicht nur um Spatzen, sondern darum, wie das grüne Kreuzberg mit der Stadtnatur umgeht. Nicht so besonders, findet eine ganze Reihe von Anwohnern und Aktivist*innen. Seit Frühjahr wird auf der Ostseite des Mehringdamms gebaut. Gas- und Wasserleitungen, später der Radweg: Es ist eine üble Baustelle: Die vorher dschungelartig bewachsenen Hochbeete wurden fast vollständig plattgemacht, flächendeckend asphaltiert und als Fußgänger läuft man nun ständig Gefahr, von einem den Kreuzberg herabschießenden Kampfradler umgemäht zu werden. Allenfalls die auf dem Asphalt improvisierte Gastronomie sorgt für eine gewisse Entspannung.

Die Bündnis Stadtnatur in K61 und die Berliner Naturfreunde hatten dazu schon Ende April eine Protestkundgebung organisiert. Am 5. Juli wurden jetzt am Rathaus in der Yorckstraße genau 457 Unterschriften von Anwohnern und Gastronomen übergeben. Sie alle klagen über die "starke ökologische Abwertung des ehemals vielfältig mit diversen Blühsträuchern bepflanzten Straßenabschnittes" und fordern ökologische Behelfsmaßnahmen sowie eine Nachpflanzung von Bäumen, einheimischen Sträuchern und eine maximale Entsiegelung.

Als Adressatin war Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) vorgesehen. Für den Fall ihrer Abwesenheit hatten die Naturschützer schon eine satirische Maske mit ihrem aufgedruckten Gesicht vorbereitet. Die kam dann nicht zum Einsatz, weil Felix Weisbrich, Leiter des Straßen- und Grünflächenamtes, zusammen mit Marcus Münnich vom Umwelt- und Naturschutzamt mutig in die von der Politik gelassene Bresche sprang. Viele Bürger, das wurde aus der von der Künstlerin Angela Laich vorgetragenen Kritik deutlich, fühlen sich vom Bezirk alleingelassen und übersehen. Von einer "stadtökologisch katastrophalen Planung" war die Rede, die ohne Beteiligung der Anwohner stattgefunden habe.

Künftige Grünflächen und Radweg am Mehringdamm. Quelle: SGA Xhain

In der Sache wollen die Initiativen deutlich mehr als die geplanten zehn neuen Bäumchen haben. Statt monotoner Rasenflächen entlang des Radwegs soll es nach ihrem Willen auch künftig wieder Sträucher als Abschirmung von der Straße und Lebensraum für Singvögel und Insekten geben. Nur so sei eine Biotopverbindung gemäß der vom Senat erarbeiteten Charta Berliner Stadtgrün möglich, hieß es. Und dann ging es doch wieder um Spatzen: Schon im Februar hatte das Bündnis Ausgleichsmaßnahmen für die von den Rodungen am meisten betroffenen Haussperlinge gefordert. Laich: "Inzwischen ist Juli und von den angekündigten Pflanzcontainern noch immer keine Spur!"

In seiner Antwort gab Felix Weisbrich zu, dass "da nicht alles rund gelaufen und bislang auch nicht sehr transparent gewesen ist". Der Chef des Straßen- und Grünflächenamtes stellte klar, dass marode Trinkwasserleitungen und Gasanschlüsse eben erneuert und auch Radwege an Sicherheitsanforderungen angepasst werden müssen. Darüber hinaus zeigte er sich aber versöhnlich und suchte vor allem bei den verlangten Ausgleichsmaßnahmen den Dialog. "Wir sind im Gespräch und wir werden im Gespräch bleiben", versicherte er. Aber weil finanziell und personell im Bezirk vieles "ein bisschen auf Kante genäht" sei, falle es manchmal schwer, "das alles zeitgerecht zu organisieren".

Erste Pflanzcontainer als "Grüne Brücke". Foto: ks

Ohnehin hat die Bezirksverordnetenversammlung Mitte Juni auf Antrag von Alexandra Neubert (Grüne) einen "Runden Tisch zum Artenschutz" beschlossen. Dort sollen auch die Auswirkungen von anstehenden Baumaßnahmen mit Natur-, Tierschutzverbänden und der interessierten Stadtgesellschaft diskutiert werden. Der erste Runde Tisch sei bereits Anfang September geplant, kündigte Marcus Münnich an: "Da werden wir rechtzeitig einladen."

Das entkrampfte die bis dahin eher aufgeladene Stimmung merklich. Und als Weisbrich dann ganz offiziell die Pläne für den neuen Radweg überreichte und "sehr, sehr viele versickerungsoffene Flächen" versprach, interpretierte das selbst Uwe Hiksch von den kämpferischen Naturfreunden als Zeichen guten Willens.


Der Schaden ist angerichtet

Es dauerte eine ganze Weile, aber das Bezirksamt hat dazugelernt. Als das Elend an der Ostseite des Mehringsdamms Ende Januar begann, erschien nur eine kurze Pressemitteilung. Fast schamhaft wurde mit "Pflanzschnittarbeiten" umschrieben, was in Wirklichkeit die Zerstörung von 14 ökologisch wertvollen Hochbeeten bedeutete. "Das Straßen- und Grünflächenamt ist mit den Bürger*innen vor Ort in Kontakt getreten", hieß es zum Thema Bürgerbeteiligung. Nun ja. Angela Laich vom Bündnis Stadtnatur in K61 und die 457 Anwohner, die jetzt gegen die Maßnahmen protestieren, können wohl ein Lied davon singen, wer da wie viel mit wem geredet oder vielmehr nicht geredet hat.

Auch mogblog-Anfragen blieben unbeantwortet. Sind die Pläne für die Radweg-Erweiterung öffentlich? Wie lange dauern die Bauarbeiten? Ist es aktuell auf dem Trottoir - auch angesichts von Corona - nicht ein bisschen eng? Und gefährlich? Keine Ahnung. Der Bezirk schwieg. Jetzt aber ist das Straßen- und Grünflächenamt endlich in die Offensive gegangen. Im Internet finden sich inzwischen nicht nur die exakten Lagepläne für den Umbau des Radwegs (Teil 1 und Teil 2), ein aufklappbares FAQ beantwortet auch Fragen wie: Existieren temporäre Ersatzbeete? Warum wurden Flächen asphaltiert? Wie geht es weiter und was ist eine "Grüne Brücke"? Kann man dort alles nachlesen.

SGA-Chef Felix Weisbrich war bei Entgegennahme der Unterschriften sehr bemüht, einen Gesprächsfaden zu knüpfen und abweichende Meinungen mit ins Boot zu holen. Das ist gut für die Stimmung - bedeutet aber natürlich noch lange nicht, dass sich am Mehringdamm nun alle Konflikte in Luft aufgelöst hätten. Der Schaden ist angerichtet. Größere Sträucher sind im Rahmen der Umgestaltung nach wie vor nicht vorgesehen und die neuen Pflanzcontainer (die ersten tauchten inzwischen an der Ecke Bergmannstraße auf) haben eher den Charme einer netten Geste, als dass sie die ehemaligen Hochbeete wirklich ersetzen könnten.

Aufenthaltsqualität und ökologischer Nutzen sind schwer zu bemessen. Zöge einer am Ende ernsthaft Bilanz, würden die wilden, ungebändigten grünen Inseln vor dem Kahlschlag nicht nur mit Blick auf den Artenschutz wohl deutlich besser abschneiden als die aufgeräumten, leeren Rasenrechtecke danach - trotz der von Weisbrich versprochenen versickerungsoffenen Flächen. Umweltstadträtin Clara Herrmann schrieb einmal: "Wir brauchen in der Stadt jede grüne Oase im öffentlichen Raum". Klingt gut und richtig. Jetzt müsste der Bezirk nur noch danach handeln.

  1. Anna von Garnier

    Jetzt im Moment wird gerade vor Hausnr 45 der große Baum gefällt. Den Nachbarbaum gucken die Motorsägenmänner auch schon gierig an…
    Stand davon etwas in den Plänen?

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